Die ausgestreckten Arme der alten Frauen

Er brachte einen weiteren Tag sanft um. Auch den letzten dunklen Tag auf dem Land, an dem die Globalisierung der Gleichgültigkeit (Papst Franziskus) längst auch auf die Äcker seiner ruhigen Landschaften einzog, brachte er mit einer gewissen Leichtigkeit um. Die dunkle Scholle verlor ihre Farbe, einfach weg, ausgesaugt von Aktiengesellschaften und zerfressen von der Gülle. Er spürte beim Anblick der heruntergelassenen Rollläden von seinen Nachbarn weder Schmerz noch Lust. Irgendwie fremd und missverstanden fühlte er sich in diesem dörflichen Milieu, das ununterbrochen nach frischer Luft schnappte und das sich nach einem kurzen Augenblick der Freiheit sehnte. Die Nachbarn fanden keine geistige Nahrung mehr, weil sie sie nicht suchten. Und wenn sie etwas fanden, ihr Körper und Geist stießen diese in einer kleinen Bruchsekunde wieder ab. Auf dem Land streckten nur noch ein paar alte Frauen ihre Arme nach dem Leben aus. Sie schmücken ihre Fensterbänke mit Narzissen- und Amaryllisblüten, um den letzten dunklen Tag von sich zu stoßen – vielleicht den allerletzten. Ich renne wie wild durch die Gassen, ständig auf der Suche nach ersten Schneeglöckchen, wie ein alter Mann, der noch nicht aufgeben will, fremd – ein Tier in sich tragend, eine leise Hoffnung in sich bergend, tue ich einen Schritt nach vorne, um die Gleichgültigkeit dieser kleinen Gesellschaft zu bekämpfen. Ein weißer Bart wächst mir schon, als Protest gegen den Stillstand des Geistes. Endlich habe ich Zeit zum Denken, zum Fühlen und die Zeit für die Veränderungen. Ich kam als Gast in dieses Dorf und ich werde es verändern. Und dann verlassen. Ich werde nicht in die Städte ziehen, ich werde mich nicht wieder in eine sinnlose Arbeit mit ihren stupiden Schreien nach Produktivität stürzen. Ich ziehe einfach weiter in die weite plastikfreie Welt ohne Strommasten. Ich werde irgendwann keine Kraft mehr aufbringen können, um den Nachbarn ihre Fensterläden zu öffnen. Ich werde nicht mehr die junge Frau belehren, die ihren Kindern auf einen Magnolien- und Ahornbaum zeigend erklärte: „Schaut mal. Das sind alles Tannen, aber Blätter kriegen sie erst im Frühling.“ Das war keine Unwissenheit, es war nur eine Dummheit und die globalisierte Gleichgültigkeit, die um sich unaufhörlich greift. Und ich mittendrin, ein wenig ratlos, ein wenig glücklich, die Möglichkeit zu haben, anders sein zu dürfen und anders zu leben. Du hast damals von Houellebecq geschwafelt und ich las seine Bücher nachher allein. Und du wolltest ohne Geld um die Welt reisen und hast dann doch dein mieses bürgerliches Leben gewählt – dort hast du dich verkrochen, du hast dich bis zu den Haarspitzen versichern lassen und nun zitterst du, dass bald wieder der Montag kommt. Viele von euch haben sich verschuldet – nicht unbedingt finanziell, nein, am Leben, an Träumen und am Geiste.

Ich strecke die Arme nach dem Leben aus – wie die alten Frauen in meinem Dorf. Mit ihnen träume ich von den ersten Blüten – mit  ihnen schaue ich aus dem Fenster raus, in der Hoffnung, dass diese Blüten und die kleinen Knospen an den Bäumen nicht die allerletzen Anzeichen des Lebens in Fülle – eines neuen frischen Lebens des Geistes sind.

 

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