Weltschmerz in der Krise

Zuerst verloren wir unsere Heimat und dann den Zugang zu den Seen und Wäldern. Die Reichen versperrten uns die Wege dahin, oder wir selbst fanden jene Wege nicht mehr – eingeschlossen im Arbeitsleben, eingesperrt in gläsernen Einkaufszentren. Manche bemühten sich sogar überhaupt nicht, die wenigen verbliebenen Zugänge in die Natur zu finden.
Dann kam wieder eine Krise und wir flüstern uns gegenseitig Mut zu, palavern über neue Chancen, träumen voreilig von einer besseren Zukunft, sprühen Ideen in die Welt und glauben wie je und eh nicht daran. Wir sagen immer: „Nach der Krise wird es anders“. Wir sagen nie: „Jetzt in der Krise bewege ich etwas, damit wir nach ihr eine bessere Welt haben“. Es scheint mir, dass wir die neue Zukunft immer erst später gestalten wollen. Heute wollen wir noch mehr Waffen verkaufen, mehr männliche Küken schreddern, mehr Antibiotika an die Tiere verfüttern und schließlich wünschen wir uns nur eins: mit neuen Krediten die alte gute Welt zu retten. Es scheint mir, dass wir immer eine Krise brauchen, um die Menschen hinter einer Idee vereinen zu können. (CDU/CSU Umfragewerte steigen bereits.) Wir hängen auf unserem alten nicht besonders paradiesischen Leben und der Schritt zu einem anderen lebenswerteren Leben ist so mühsam.
Dieser Schritt ist jedoch nötig. Der kapitalistische Staat versperrte uns die Zugänge zu den Seen und Wäldern, fällte unsere Obstbäume in den Städten und ersetzte sie mit angeblich heimischen Arten, die auf den Klimawandel gut vorbereitet seien. Wir sollen doch Äpfel und Kirschen lieber kaufen, anstatt sie selbst pflücken zu können. Der Staat entzog uns die Grundlagen für die Selbstversorgung und verkaufte sie billig an die Investoren. Er nahm den Menschen nach und nach das Land und verkaufte es an Konzerne, damit selbst der ordinäre Schnittlauch, der früher auf jeder Fensterbank stand, verkauft werden kann. Man schuf Strukturen, die den Menschen erschweren, sich selbst mit Energie, Wasser und Nahrungsmitteln zu versorgen und eben deshalb steckten nun der Staat und seine Gesellschaft in der Krise. Und die Lösung ist klar. Die kleinen Blumenläden mussten schließen und die großen Gartencenter dürfen noch mehr an Macht gewinnen. Der kleine Händler mit Kurzwaren muss um staatliche Hilfe bitten und die großen Baumärkte verdienen nun, trotz Krise, viel besser.
Jammern und Stöhnen hilft nicht. Jeder von uns ist jetzt gefragt, diese Krise zum Umdenken zu nutzen. Wer sich das leisten kann, trägt eine besondere Verantwortung für die Welt. Den Kapitalismus schwächt man nur durch unsere Bemühungen autark zu leben – durch unsere Entkoppelung vom Markt. Selbst ein kleines Töpfchen Schnittlauch auf der Fensterbank hilft, dem Kapitalismus das Geld zu entziehen. Und wer es sich leisten kann, tut mehr. Er versorgt sich selber mit Strom und Wärme und er baut eigenes Obst und Gemüse an. Und wir alle können und müssen uns einschränken, indem wir von allem weniger verbrauchen – nicht ein bisschen weniger, sondern deutlich weniger.
Dann öffnen sich die Wege zu den Seen und Wäldern wieder.

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