Im wunderschönen Monat November

Der November ist kalt und ungemütlich. Viele Menschen quälen sich zur Arbeit in der grauen und nassen Dunkelheit. Andere kommen nicht aus dem Bett und wenn sie es schaffen, kommen sie aus ihren Wohnungen nicht raus. Die Heizungen und die Fernseher laufen auf Volltour. Die Bildschirme von Handys leuchten. Manche haben auch Geldsorgen, da die Weihnachtszeit vor der Tür steht. Manche Ängste werden immer größer, manche Schmerzen tiefer und intensiver.
Kommt doch zu mir. Wir ziehen uns warm an und gehen raus. Wir nehmen zwei Tüten mit und sammeln den Plastikmüll, der in unserem nahe gelegenen Naturschutzgebiet liegt. Jetzt kann man den Müll gut sehen, weil die Vegetation stark zurückgeht.
Kommt zu mir und wir bepflanzen mehrere Blumenkästen mit Alpenveilchen und mit Erika. Sie werden so bunt und unsere Straße wird wieder farbenfroh leuchten. Oder lasst uns doch die Tanne schmücken, die seit einer Woche in unserem Pfarrhof steht. Sie ist so schön und so lebendig. Sie wird wachsen und gedeihen. Jedes Jahr wird sie größer und unser Hof wird auch im Winter grün.
Kommt zu mir und wir bemalen die graue hässliche Wand in unserer Nachbarschaft.
Kommt zu mir und wir holen uns Geld von den Reichen und dann ziehen wir durch die Stadt und verteilen es an die Armen und Bedürftigen.
Kommt zu mir und ich erzähle euch, wie glücklich ich bin, während wir das restliche Gemüse in meinem Garten ernten und daraus eine gesunde farbenfrohe Gemüsesuppe kochen. Ich erzähle euch, wie reich ich bin, weil ich einen Garten habe und weil ich nicht mehr auf eine Erwerbsarbeit angewiesen bin. Wir reich an Zeit bin ich und an Ideen, erzähle ich euch. Ich erzähle euch die Geschichte unserer kleinen Kirche, während wir das Laub von den Kastanienbäumen, die vor ihr stehen, fegen. Ich erzähle euch von Tolstois Roman „Die Auferstehung“ und ihr könnt es mitnehmen und auch lesen.
Kommt zu mir und ich zeige euch meine Orchideen, die wieder ihre Blütenstängel treiben. Schon bald werden sie diese grauen Tage bunter machen. Ich erzähle euch die Geschichte einer seltsamen Pflanze, die ich habe. Ihr werdet mir diese Geschichte nicht glauben.
Der November ist warm und gemütlich. Viele Menschen gehen nicht mehr zur Arbeit und widmen ihre Lebenszeit der Familie und Freunden. Sie tun etwas für das Gemeinwohl. Sie konsumieren weniger, sie lesen mehr. Sie füllen diese warmen Novembertage mit ihrem Glück. Alles blüht. Es blüht anders als im Frühling, aber es blüht. Die Straßen sind sauber. Unser Naturschutzgebiet atmet auf – vom Müll befreit. Unser Kirchplatz ist sauber – vom Laub befreit. Die Menschen warten nicht mehr sehnsüchtig auf den Frühling, weil der November plötzlich zu blühen begann. Sie sind von ihren Sorgen und Ängsten befreit. Sie teilen ihr Geld mit den Bedürftigen. Sie bewegen, was viele nicht bewegen können.

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