Ballett in alten Sportschuhen

„Das Mariinsky-Ballett gleicht einem Quell, der niemals versiegt. Ständig kommen sie nach, die neuen Talente, die Tänzer, die andere Ballettkompagnien erst mühsam finden müssen.“ (Programm-Heft zur Ballett-Gala, Mariinsky-Ballett, Festspielhaus Baden Baden, Dezember 2015)

Ich verbringe gerade eine Fastenwoche in Baden Baden und versuche hier aktiv mein Fasten mit Wanderungen, Kultur und Lektüre zu gestalten. Zwei Tage liebäugelte ich mit der Ballett-Vorstellung des Mariinsky-Balletts Sankt Petersburg wegen meiner auf Nostalgie beruhenden Persönlichkeit und infolge der romantisch-slawischen Panthetik, die mich oft leitet. Es war mir aber nicht ganz klar, dass es sich bei dieser Ballett-Vorstellung eher um eine Ballett-Gala handelte und diese nicht in einem zweitklassigen Regionaltheater aufgeführt wird, sondern im Festspielhaus Baden Baden, der ersten Adresse für die lokale und internationale feine Gesellschaft, die sich gerne ab und an zeigt, während sie das Gezeigte oft ignoriert oder die Zeit des Gezeigten zumindest verdrängt. Als ich am Schalter ganz kurzfristig; also sieben Stunden vor der Gala nach einer freien Karte fragte, bot mir die nette Verkaufsdame gleich mehrere Optionen noch freier Plätze an. EHHHHH… Ich entschied mich für die billige Variante auf dem 1. Balkon, in der 10 Reihe links und schob, die Souveränität vortäuschend, drei 50-Euro Scheine in Richtung der Dame. Um die knisternde Situation zu entspannen, beziehungsweise noch skurriler zu machen, fragte ich die Dame, ob ich zu der Gala auch in der Kleidung reinkommen würde, die ich gerade anhatte. Sie schaute mich an und sagte: „Ja, also, Sie brauchen keinen Anzug, Hauptsache elegant.“ Ich sah in ihren Augen die Hoffnung, dass ich in meinem Hotelzimmer auch etwas bessere Sachen für diesen Abend finden würde. In diesem Moment wussten wir noch beide nicht, dass ich nur schon ältere Joggingschuhe dabei habe.  In dem Moment, als ich die Karte kaufte, wurde mir bewusst, dass ich keine richtigen Schuhe dabei habe. Was heißt hier „richtig“? Meine Schuhe sind richtige Sportschuhe, allerdings für die Ballett-Gala richtig Scheiße. Ich rannte ins Hotel. Ich musste ins Bett. Ich wollte sofort ein Schönheitsschläfchen machen. Ich werde strahlen, nahm ich mir vor. Ich werde so viel Frische und Energie und Gelassenheit aus meinem Gesicht und meinen Augen ausstrahlen, dass die reichen Russen, Franzosen und Deutsche, die an diesem Abend anwesend sein werden, wie gebannt nur in mein Gesicht schauen würden und nicht nach unten auf meine Schuhe. Ich schlief auch tatsächlich ein, auch wenn nur für eine kurze Weile. Kurz vor dem Konzert tröstete mich am Telefon ein Freund: „Martin, denk an deine Texte, denk an die Bescheidenheit, die du vorlebst; denk daran, worüber du schreibst; denk an deine Blogs, in denen du den Schein ablehnst und das Wesentliche im Leben hervorhebst.“ Diese Worte beruhigten mich etwas und ich verließ mein Hotel und ging Richtung Festspielhaus. Und es kam alles wie ich dachte. Auf dem engen Gehsteig liefen in gleicher Richtung feine Damen und Herren in eleganten schwarzen Mänteln und eleganten schwarzen Schuhen mit kleinen Goldkettchen. Ich musste ständig alle überholen, es war auch nicht so schwierig – in meinen schon gut eingelaufenen NIKEs und ausgelauerten Jeans. Ich fühlte mich wie der reichste Vagabund: Jeans, Jacke und Pullover im Gesamtwert von 100 Euro, 3 Jahre alte NIKEs, deren Wert ich nicht wage hier aufzustellen, und eine Konzertkarte strahlend alles übertreffend für 150 Euro. Im Festspielhaus angekommen, versuchte ich, wie ich es mir vornahm, zu strahlen. Ich strahlte aus ganzer Kraft, ich strahlte bewusst elegant und sendete mit meinen Augen die Energie eines Überlegeneren. Ich strahlte die Seelen-Körper-Sauberkeit eines Fastenden, eines Kämpfers, und eines Weltverbesserers. Ich fühlte mich trotzdem Scheiße in meinen alten Jeans und in meinen blöden NIKEs und war froh als ich an meinem Platz – versteckt in das fahle Licht – saß. Und dann kam alles anders. Der Abend nahm eine unerwartete Wendung. Kurs vor 19 Uhr trat der musikalische und künstlerische Leiter des Mariinsky-Theaters Balerie Hergiev auf die Bühne und verkündete, dass die Gala leider wegen der Erkrankung von Evgenij Tariffonov, dem ersten Solisten, ausfallen muss und er erlaubte sich folgende Bemerkung, die die Situation auflockern sollte: „Ja, meine Herren, es ist auch ganz blöd, dass Sie alle in Ihren schweren Lackschuhen gekommen sind und sich daher kaum bewegen können. Aber sollte sich im Publikum ein Mann, der leichte Sportschuhe trägt, finden, könnte er vielleicht unseren Evgenij vertreten und mittanzen.“ Ich zögerte keine Sekunde. Ich sprang auf und schrie zuerst auf Deutsch, dann auf Russisch: „Ich bin in Sportschuhen gekommen. Ich kann heute Abend tanzen!“ Ich lief im Höllentempo vom Balkon auf das Parkett und sprang wie ein junger Mann auf die Bühne. Der musikalische und künstlerische Leiter des Mariinsky-Theaters lächelte überrascht und sagte: „Meine Damen und Herren, wir wagen es, die Gala kann in wenigen Minuten beginnen.“ Dann nahm er mich hinter die Bühne. Dort erklärte man mir die Handlung der einzelnen Ausschnitte aus den bekannten klassischen Balletten und aus den zwei modernen Stücken, die auf dem Programm standen. Ich sollte alles geben und alles riskieren. Die ersten Töne des Orchesters erklangen und ich lief mit fünf anderen russischen Jungs auf die Bühne. „Ballet No 2“ hieß das moderne Stück, das die Nostalgie nach den glücklichen 60er Jahren der Sowjetera suggerieren soll. Eine Art russische West Side Story. Es fiel mir nicht schwer, mich leicht vor dem Bühnenbild, das ein paar graue Häuserschluchten mit alten Neonreklamen darstellte, zu bewegen. Ich merkte sehr schnell, dass eine doppelte Drehung sofort einen Applaus verursachte. Eine dreifache und schnellere Drehung bedeutete gleich einen fast in die Ekstase tobenden Applaus, in dem dem Menschen die Kontrolle seines normalen Bewusstseins entzogen wird. Ich drehte mich und sprang, ich winkte und lächelte elegant. Ich tanzte um mein Leben, ich sprang noch höher und noch schöner. Das ganze endete irgendwann mit „nach Hause von der Straße gehen“ und wir Tänzer verließen die Bühne in Umarmungen junger Tänzerinnen. Es war herrlich. Ich tanzte auf der Bühne und ich gab alles. Ich war der Held. Ich tanzte mir alle Ängste, alle Hoffnungen, alle dunklen Gedanken aus der Seele und dem Körper. Ich erstrahlte nun nicht nur im Gesicht – mein ganzer Körper erstrahlte im Licht des Festspielhauses Baden Baden. Im Laufe des Abends musste ich noch einiges lernen, vor allem, als die Ausschnitte klassischer Ballettstücke dran kamen. Ich musste nur aufpassen, dass meine Beine immer schön gestreckt in den engen Hosen bleiben und natürlich musste ich stets daran denken, dass mir die kleine zierliche Ballerina nicht aus den Händen fällt. Sie machte es hervorragend, sie tänzelte um mich herum und dann bat sie mich leise, dass ich sie in die Luft werfe und ich warf sie in die Luft. Landen konnte sie allein, oder sie improvisierte die Landung perfekt; ich weiß es nicht. Ich tanzte und tanzte. Ich gab alles. An diesem Abend tanzte ich mir die Schmerzen aus dem Leib. Ich tanzte zwei Stunden lang. Und am Ende war ich erschöpft, aber glücklich. Natürlich bekam ich von den Stücken nichts mit, zumindest nicht das, was ich dafür bezahlt hatte. Ich bekam aber viel mehr mit. Ich lebte einen Traum, ich lebte meinen Traum der Befreiung des Körpers und der Seele von den weltlichen Schmerzen, ich lebte den Traum dieser jungen Tänzerinnen und Tänzer. Ich bekam ihre Schmerzen mit, ihre Ekstasen, ihre Hoffnungen und Sehnsüchte. Was ich an diesem Abend nicht mitbekam, sind die in den Zuschauerraum spät gekommenen Zuschauer, die ständig fotografierenden Deppen, die laut sprechenden Menschen, die gelangweilte Bourgeoise in ihren steifen Anzügen, die klingelnden Handys und die schweren teuren, aber nach einer kalten ekelhaften Plastikwelt riechenden Parfüms. Ich tanzte an diesem Abend mein Leben!

 

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