Der gemeine Moselidealist

(Bericht eines Wanderers auf dem Jakobsweg Koblenz – Trier)

Unzählige Male lächelte und lachte ich in vielen Stunden des einsamen Wanderns im auf den ersten Blick malerischen Moseltal. Welchen explosiven Stoff dieses Tal in sich birgt, ahnte ich selbst nicht, als ich mich in den Zug Richtung Koblenz setzte.

Als ich im Hof des Schlosses Stolzenfels oben auf dem Berg stand und die Schönheit des Rheintales vor mir sah, lächelte ich zum ersten Mal, glücklich, dass ich mich auf diesen Weg aufmachte. Ein paar kleine Tränen drängten sich ebenfalls in meine Augen, als ich vor mir diese einzigartige Landschaft erblickte. Aufgrund dieser Einzigartigkeit der Natur am Rhein und gleich danach an der Mosel und aufgrund der wohlriechenden Wälder, die man schon fast vergessen hatte, und des sich immer verändernden Lichtes, bildBlogschüttete mein Gehirn immer wieder Glückshormone aus, die schlagartig meine Gedanken unterbrachen und mich ab und an zum Lächeln und Lachen brachten. Der Rahmen der Geschichte, nun vorhanden, benötigt in diesem Augenblick ein Bild, damit seine einrahmende Funktion überhaupt einen Sinn ergibt. (Der Autor des Textes, ich nenne ihn hier einfach Der gemeine Moselidealist, zweifelt jedoch an diesem bereits gesehenen und aufgezeichneten Rahmen und dem Sinn des dazugehörigen Bildes.) Das eingefasste Bild brächte sicherlich nicht nur allen großen Existenzialisten, sondern auch den Idealisten aus dem ganz linken Lager gewisse Freude an der Lektüre (vorausgesetzt, es gäbe sie noch und dieser Text fände einen Weg zu ihnen).

Das Moseltal ist dermaßen links und rechts von Straßen, Parkplätzen und dem Autogestank verhunzelt und verschanzelt (Dem gemeinen Moselidealisten ist es an dieser Stelle schon bewusst, welche Verhunzelung und Verschanzelung der Sprache er gerade betreibt), dass einer wie Der gemeine Moselidealist in eine tiefe Traurigkeit versinkt, bzw. mit Wutanfällen zu kämpfen hat. Diese Verhunzelung und Verschanzelung und damit verbundene Hässlichkeit fressen sich sowohl in die Natur, als auch in die Menschen fest ein. Unsere eigene Verhunzelung und Verschanzelung macht die Natur und damit uns selbst äußerst hässlich. Unsere Hässlichkeit macht unsere Kinder noch hässlicher und gemeiner, wie sie schon sowieso sind, weil unsere Hässlichkeit und Gemeinheit, in dem Moment, als sich die erste Möglichkeit ergab, dies sofort bewirkte. Unsere Kinder werden jeder Chance beraubt, sich gegen diese Hässlichkeit und diese Gemeinheit auch nur ansatzweise zur Wehr zu setzen. (Der belesene gemeine und nichtgemeine Leser erkannte bestimmt sofort den stilistischen Einfluss T. Bernhards auf  diese Textpassage Des gemeinen Moselidealisten.)

Diese Hässlichkeit und diese Zerstörung der Kulturlandschaft merken die meisten von uns nicht. Sie wird mit einem unglaublich starken Eifer noch zusätzlich vorangetrieben. Es werden im Moseltal neue, noch breitere Straßen, neue Parkplätze und Brücken und eine Autobahn, die das Tal durchschneiden wird, geplant und gebaut. Einen wundert es nur, dass für diejenigen, die ungern an diesem malerischen Ort ohne einen PKW ankommen, nicht die Hälfte des Moseltales gesprengt wird, um einen Flugplatz bauen zu können. (Es kann doch nicht sein, dass man 40 Minuten in der Bahn sitzen muss, um aus Köln an die Mosel zu gelangen, wenn dies in 10 Minuten mit einem Flugzeug möglich wäre, hätten wir so einen Flugplatz im Moseltal. (Und dann bitte so groß wie der neugeplante in Istanbul, es würde die Wirtschaft unheimlich ankurbeln und man könnte ihn auch militärisch nutzen.) In den schönsten Häusern am Moselufer kann man nicht übernachten, weil der Lärm der vorbeifahrenden Autos unerträglich ist. Wenn erst in den nächsten zwanzig Jahren 37000 Flugzeuge von Fluggesellschaften neu gekauft werden, wie die neueste Prognose behauptet, ist es auch in der zweiten und der dritten Häuserreihe mit einem ruhigen Schlaf vorbei.

Und dieser hässliche Mensch, der seine eigene Hässlichkeit selber verursacht hatte, übernachtete in meiner Nähe. Es trennte uns nur eine Zimmerwand voneinander. Seine Hässlichkeit schaltet jede Empfindung und jede Empathie und jedes Mitgefühl völlig aus und er befindet sich dadurch in der falschen Annahme, sich ganz allein in der Unterkunft zu befinden. Er schlägt die Türen laut zu, baut das ganze Zimmer mitten in der Nacht um, er schreit nach seinem Partner, schaut laut die Fußball WM, ohne seine lauten Emotionen unterdrücken zu brauchen, da er sich nicht nur in jener Unterkunft, sondern auch in der ganzen Welt allein befindet.

Es gab noch einen genau so gemeinen Mitbürger, der die Hässlichkeit und die Dummheit unserer Gesellschaft betont. Lasst mich ihn ironisch den sogenannten Moselkenner nennen. Dieser gemeine und hässliche Moselkenner verhunzelt und verschanzelt unsere Natur und unsere Gesellschaft schon bei seiner Anreise. Er steigt aus seinem Reisebus, der automatisch am Moselufer parkt und den anderen Gemeinen und Nichtgemeinen die Ufersicht versperrt. Er überquert die in seinen Augen wunderschöne zweispurige Straße und setzt sich in das nächste Eiscafé. Er bestellt einen großen Eisbecher mit Sahne und fetter Schokoladensoße, bzw. einen Kuchen, ebenfalls mit Sahne, die immer größer und immer billiger werden, dazu einen Kaffee mit Sahne (Kännchen) und weil es sich vor der Abfahrt nach Hause eh nicht mehr lohnt, einen Spaziergang zu der kleinen Kirche auf dem Hügel, etwa 50 Meter entfernt, zu machen, teilt er sich mit seinem nicht minder gemeinen Mitreisenden noch den Käsekuchen, den man unbedingt noch probieren wollte, wenn man schon an der Mosel ist. (Zu dieser Eiscafévariante könnte ich selbstverständlich noch die Wurst-Schnitzel-Variante zum Besten geben, aber ich habe mich in der Macht, weil ich an der kleinen Kirche sitzend, in völliger Einsamkeit, viel Energie für meine Demut, die man im Moseltal und anderen Tälern und Nichttälern braucht, kumulieren konnte. Es wäre nicht so schlimm, wenn es nur bei dieser einen, für den Moselkenner selbstverständlichen gemeinen Tat bliebe, aber sein Moselausflug hat schwerwiegende Auswirkungen auf unsere sich im Sinken befindende Gesellschaft:

  • Weitergabe der Gewohnheiten an seine nächste Generation
  • Überflutung der schönsten Orte mit billiger Massenware: Zuckererzeugnisse und tierische Fette
  • Verdrängung der vitaminreichen Kost aus unserem Leben
  • Belastung unseres Sozial- und Gesundheitssystems aufgrund Diabetes, manche Krebsarten, Probleme mit dem Bewegungsapparat, zu hoher Blutdruck, Migräne etc.
  • Zerstörung der Hoffnungen der Menschen, die sich eine andere Gesellschaft wünschen und an deren Umbau arbeiten

Der Moselkenner steigt nun wieder in den Reisebus, spricht sehr laut mit seinem Reisepartner über seine Eindrücke und stört dabei einen anderen müden, in der Nähe schon fast schlafenden Moselkenner. Zuhause angekommen taut der Moselkenner seinen Fertigfraß auf und er winkt die Nachfragen anderer Familienangehöriger nach seinem Ausflug mit einem kurzen „Es war toll“ ab. Es wird wegen der fehlenden Gedanken und Erlebnisse in absoluter Stille weiter gegessen.

Was passiert jedoch mit einem Idealisten wie mir in solchem Flusstal? Ich benenne mich als der Moselidealist, auch wenn ich mich im weiteren Verlauf des Textes Der gemeine Moselidealist nennen werde. Nach und nach beginnen sein Idealismus, sein Vorhaben und seine Kraft zu bröckeln. An dem Moselufer konnte er unter hunderten Moselkennern die anderen zwei oder drei Idealisten nicht ausfindig machen und auf dem Pfad des Jakobsweges traf er schlicht keinen anderen Menschen, mit dem er sprechen könnte und somit nicht die Hoffnung auf eine andere Gesellschaft stärken würde. Und so versinkt dieser Idealist in die, ich benenne sie, Mosellethargie. In seiner Lethargie beginnt er immer weniger zu laufen, dabei steigt der billige Zucker- und Fleischverzehr deutlich. Diese langsame aber deutliche Annäherung an den Moselkenner verhunzelt und verschanzelt den Idealisten, macht ihn hässlich und trübt seine Gedanken. bildBlogSeine Gedanken lösen sich in diesem Moment von dem Moseltal, sprengen den Rahmen der Naturschönheit und begeben sich in die tiefsten Ecken der Seele und kramen alle Enttäuschungen, Traumata, alle Hässlichkeit und Wut aus. Der nur gemeine Idealist kehrt nach Hause zurück, schreibt seine Gedanken nieder – mit der Hoffnung eine verbundene Seele zu finden – und rüstet sich trotz alldem für einen neuen Veränderungszug dieser Gesellschaft. Er ist enttäuscht und geknickt, aber weiterhin kampfbereit. Er ist gespalten zwischen der Hoffnung auf eine neue und bessere Gesellschaft und der Angst aufzugeben.

 

12 Kommentare

  1. Zuerst finde ich unglaublich wie du mit der Sprache umgehen kannst. Ich wäre auch ein Moselidealist, der glaubte alles sei toll dort. Jetzt hast du mit den Wind aus den Segeln genommen, ich wollte irgendwann eine Reise machen… Jetzt ist mir der Appetit vergangen 😉

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