Meine smarten Freunde

(Dieser Text ist frei erfunden und alle Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig)

 

Ich habe sie bewundert. Sie strahlten Optimismus aus und das Leben schien für sie einfach zu sein. Sie waren aufgrund ihrer Bildung beflügelt, die Welt zu erobern. Sie waren kommunikativ und mich begeisterte stets ihre vornehme Ausdrucksweise. Ich wollte wie sie sein und ahmte sie nach. Sie war auf dem besten Weg bekannte Philosophin zu werden und er war dabei, sehr erfolgreich sein Medizinstudium abzuschließen. Man sah sie beide immer mit Büchern und es machte Spaß mit ihnen über Neuerscheinungen zu sprechen. bildBlogSie war begeisterte Oboe-Spielerin; er verlor sich oft in bunten Lebensphantasien. Wir lachten viel, entdeckten gemeinsam die Welten im Rausch und ohne ihn. Wir wollten gemeinsam in die Welt der Kunst, wir wollten für die Gerechtigkeit und für die Umwelt kämpfen. Wir wollten diese Welt besser machen und es sah so aus, dass wir es auch schaffen werden.

 

Irgendwann konnten sich beide ein Smartphone leisten. Die Bücher vergaßen sie, die Phantasien verblassten, die Höhepunkte des Rausches konnten sie nicht mehr erreichen, die Musik verstummte. Sie blieben genau an dem Punkt stehen, wo sich der Handyladen befand. Da an der Schwelle zu diesem Laden ließen sie alle ihre Illusionen, alle Interessen und die ganze Lebenseuphorie. Ihre Kommunikation wurde leiser, stummer und langweiliger. Es war eine Art von unkonzentriertem Gestotter, immer wieder unterbrochen durch die eingehenden Nachrichten auf ihre Smartphones. Sie wurden zerstreut, vergesslich und fade. Sie wurden müde und begannen nur schriftlich ihre Kontakte zu pflegen. Sie riefen nicht mehr an, sie verloren das Gespür für das Neue, für die Zeit und für die schönen realen Momente des Lebens. Diese zwei einst so wunderbaren Menschen, die ich als meine Vorbilder betrachtete, wurden zu einfachen und grauen Durchschnittsmenschen. Sie leben nun in einem Vakuum, in das nur schwer etwas Neues eindringen vermag. In ihre Welt gelangen nur Nachrichten von anderen durchschnittlichen Menschen. Man sieht sie oft in der Bahn, ihre Smartphones anstarrend, und man muss sie rütteln, damit sie einen begrüßen. Dann müssen sie zuerst ihre Nachrichten zu Ende verfassen, um überhaupt fähig zu sein, mit einer platten nichtssagenden Kommunikation zu beginnen. Nicht mal diese können sie anständig beenden, denn schon klingelt das smarte Gerät dieser einst smarten Menschen.

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