Weiterbildung und Missbildung

„Der Blick auf die wachsenden Gebilde, die einstmals Städte waren, zeigt uns, dass sie einem Menschen gleichen, der verzerrt wird durch krebsige Tochtergeschwülste. Vielleicht gibt es keinen Todestrieb; aber Umstände, die tödlich wirken. Davon ist hier die Rede, obgleich wir – wie alle, die je auf dem Pulverfass saßen – so tun, als wäre alles unstörbar in bester Ordnung.“ (A. Mitscherlich: Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden)

Meine letzte Weiterbildung fand in Essen-Werden statt. Ich entschied mich also, das beste daraus zu tun und wollte mir ein gemütliches Wochenende in Essen machen. Meine Reise begann am von Urin stinkenden und vor einem Jahr neu missgebauten Breslauer Platz in Köln, einer grauen trostlosen Betonwüste ohne Grün, ohne Blumen; dafür gesegnet mit Dummheit und Arroganz unserer Städteplaner.bildBlog Ich stieg in einen falschen Zug ein, dessen Schäbigkeit mir gar nicht so schäbig vorkam, da jedes Gefühl von Ästhetik in mir, bereits auf jenem Breslauer Platz abgetötet wurde. Erst in Hagen regte sich etwas in voller Wucht in mir und ich wollte sofort umkehren und das Wochenende lieber in meinen gemütlichen vier Wänden verbringen. Das Weiterbildungsseminar fand ich plötzlich angesichts der Hässlichkeit von Hagen als dämlich und schließlich viel zu unwichtig für mein Leben. Ich biss die Zähne zusammen und fuhr weiter nach Essen. Der Schock war immens. Die leeren Seitenstraßen der Fußgängerzone machten mich leer; die grauen Häuser machten mich grau; der Schmutz auf den Straßen machte meine Gedanken schmutzig. Im Hotel angekommen wusste ich sofort, dass ich den Abend nur mit Sex oder – oder mit Sex und Alkohol überstehen werde. Sex hatte ich jedoch keinen, da ich dazu gar nicht fähig war; ich ekelte mich in diesem Moment vor den menschlichen Körpern wie ich mich vor der Hässlichkeit und der Grausamkeit unserer Städte ekelte. Ich war unglücklich. Ich überstand das Wochenende mit genau dosierten Alkoholschüben existierend. An Leben war nicht zu denken.
Köln, du tust mir Leid. Hagen und Essen, das wird nichts. Karlsruhe, lass doch die Investitionen in die neue U-Bahn sein – die Oberfläche wirst du eh nicht für die Menschen verschönern. Mannheim, beginne am besten gleich von vorne. Dortmund und Leipzig, das war kein schlechter Versuch in den letzten Jahren, aber es bringt nichts.
Löhne, Bünde, Bielefeld, ufffff… München und Hamburg, seid ihr wirklich so schön und für den Menschen gebaut?

„Wir hatten Anlass, die Zerstörung unserer Städte zu beklagen – und dann die Formen ihres Wiederaufbaus; wir haben gegenwärtig Anlass, die Zerstörung der an die Städte grenzenden Landschaften zu beklagen – und haben wenig Hoffnung, dass die Schäden wieder gutzumachen sind. Nur weil die Gewohnheit abstumpft, wenn Bäume fallen und Baukräne aufwachsen, wenn Gärten asphaltiert werden, ertragen wir das alles so gleichmütig.“ (Ebd.)

7 Kommentare

  1. Lieber Martin,

    ich kann sehr gut nachempfinden, was du beim Anblick der Ergebnisse der (un-)menschlichen Bauwut denkst und empfindest. Ich bin froh, den Sprung aus Köln heraus (meiner alten Studienstadt) geschafft zu haben, um nun ein wenig ruhiger zu wohnen.

    Doch vielleicht ist dir ja der folgende Beitrag ein kleiner Trost (falls du ihn noch nicht kennst!):

    https://wordpress.com/read/post/id/98283730/26

    Es ist ein Bericht einer Stadt, die sich nicht für Beton, sondern für Blüten und Essbares entschieden hat 🙂 Solche Projekte lassen mich immer auf „mehr“ hoffen.
    LG, Micha

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    • Hallo Miche, leider kann man den Link nicht öffnen… Aber ich glaube ich kenne diesen Bericht. Eine kleine Stadt, die Gemüse und Obstbäume an viele öffentlichen Plätzen pflanzte… So versuche ich auch Karlsruhe-Daxlanden umgestalten, ich pflanzte dort bereits 7 Obstbäume, leider bin ich in meinem Projekt ziemlich einsam, findet zwar Anerkennung aber sonst passiert nichts. In Köln lebe ich trotzdem gern, heißt aber nicht, dass man nicht kritisieren darf:) Liebe Grüße

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  2. Ich denke an, dass jeden normalen Mensch diese Gefühle nachdem solche Gebilde spüren kann… am meisten macht nichts für verbesserung und nicht auf seinen Standpunkt zu verteidigen.. vileich aus der Faul oder der Gleichgültigkeit aus der Angst oder etwas noch.. und transformiert sich danach in etwas schreckliches mit scmützige Gedanken und verzerrt Seele, nur tierische Instinkte zu bleiben. Alles hängen von uns ab und nur wir gewählen. Danke Martin, dass es dich gibt!

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