Ich bin wieder zurück

Ich bin damals weggegangen. Viele sind damals weggegangen. Wir konnten in unserem kleinen Dorf in den Bergen auf Fuerteventura nicht mehr leben. Es ist uns klein geworden. Wir wollten raus und wir mussten weit weg. Wir sind arm geworden. Die globalen Märkte zerstörten unsere Landwirtschaft. Unser Käse, Gemüse und Obst konnten nicht weiter der subventionierten Landwirtschaft von großen Betrieben konkurrieren. In unserem kleinen Laden gab es nur deutschen Käse, deutsche Butter und deutsche Schokolade. Unsere Ziegenherden haben wir aufgegeben und unsere Gemüse- und Obstplantagen lagen längst brach. Unsere einst weißgekalkten Häuser wurden schmutzig und die Dächer zerfielen nach und nach. Viele verließen unser Dorf. Sie hängten an ihre Tore Schilder auf: „SE VENDE, FOR SALE“.

Ich bin nach Berlin gegangen. Ein Freund von mir hatte dort ein gut laufendes Restaurant, in dem ich zu arbeiten beginnen konnte. Ich träumte von einem Auto, von einem eigenen Computer und von neuen schicken Kleidung. Zehn Jahre bin ich in Berlin geblieben. Zehn Jahre habe ich geschuftet. Ich habe den Autogestank ausgehalten. Ich wurde krank vom Lärm. Ich fror. Ich war jeden Tag dem Stress des dortigen Lebens ausgesetzt. Ich lebte in ständiger Angst; der Angst vor Jobverlust, der Angst davor, dass mir meine Wohnung gekündigt wird, oder dass ich die horrenden Krankenkassenbeiträge nicht mehr zahlen kann. Ja, ich konnte mir ein kleines Auto, einen Computer und sogar ein iPhone leisten. Aber der Preis war dafür zu hoch. Ich verlor die Lebenslust und ich vergaß zu lachen.
Das Jahr 2015 war für mich der Wendepunkt. Die zerbrochene deutsche Gesellschaft, das Aufblühen der Rüstungsindustrie, die Kriege überall, der Ausländerhass, das Beschneiden der Überreste an Freiheit des kleinen Mannes und die gezielte Untergrabung der Demokratie durch Großkonzerne vergifteten das menschliche Klima. Die Menschen um mich herum waren ausgebrannt, müde, lustlos und krank. Ich wollte aber leben, ich wollte wieder lachen. Ich wollte wieder die Sonne sehen, ich sehnte mich nach Ruhe in meinen Bergen. Ich schmiss alles, was ich mir in Berlin aufgebaut hatte, hin.

Ich bin wieder in meinem Dorf. Ich kalkte zuerst das Haus, das mir meine Eltern hinterließen, weiß. Ich habe das Dach und die Gartenmauer repariert. Meine alte Nachbarin nähte mir zwei Hemden und eine Hose. Ich arbeite täglich im Garten, damit ich bald frisches gesundes Gemüse ernten kann. Ich versorge meine Hühner und helfe im Dorf, eine neue Ziegenherde aufzubauen. Wir bepflanzen wieder unseren Kirchplatz.
Ich bin glücklich, dass ich zurückgekehrt bin. Ich genieße die Ruhe, die Sonne und die Abgeschiedenheit von der Zivilisation. Ich arbeite hart, aber ohne Stress. Ich lebe ohne Angst. Ich bin wieder mit der Natur verbunden. Und ich bin wieder mit Menschen zusammen, die für mich Zeit haben. Wir singen an manchen Abenden zusammen und kramen die wunderschönen kleinen Geschichten heraus.
Ich bleibe hier. Ich träume nicht mehr von der großen Welt. Das schöne Leben ist hier – in meinem Dorf in den Bergen auf Fuerteventura.

11 Kommentare

  1. Ich freue mich für dich und bewundere den Weg, den du einschlägst!

    Meine Heimat liegt leider inmitten von genau diesem Stress, Lärm und Druck! Ich wünschte, ich könnte gehen – aber dafür muss ich alles zurücklassen, was meine Heimat, meine Vergangenheit ist, und in vollkommen Unbekanntes aufbrechen! Wohin soll man gehen, wenn das, was man liebt, und das, was man verachtet so eng verwoben sind? Da beneide ich dich… trotzdem machst du mir Mut, auch solch einen kompletten Neuanfang zu wagen! Irgendwann…

    Liebe Grüße!

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  2. Ach, da war ich jetzt verwirrt… Also ich lebe so wie du dir das erträumst – auf einem kleinen Stück Land, mit eigenem Obst und Gemüse; Ziegen, Hühner, Enten, eine Kuh – kommen demnächst, zuerst muss das Haus gebaut werden, und noch davor muss das Geld zusammengespart werden… Also bis Weihnachten sollten wir in unserem Häuschen, in den Bergen über Valencia wohnen, das wiederum über Dumaguete liegt, im Süden der Insel Negros, auf den wunderschönen Philippinen. Es ist wie im Traum, wenn ich bei der Gartenarbeit mich umsehe und runter auf das blaue Meer hinunterschaue, und in die umgekehrte Richtung der Mount Talinis in Reichweite ist, mit 2.000 Meter der zweithöchste Berg dieser Insel.

    Gefällt 1 Person

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