Brecht, Bernhard und ich


Ich legte mich hin, um zu schlafen. Es brachte alles jedoch nichts. Die gebrochenen Träume und die vielen Aufbrüche meines gebrochenen Herzen brachten mich auf die Idee, die Bücher von Brecht, die immer noch seit gestern Abend auf dem Boden, neben dem Erbrochenen lagen, in das für Brecht vorgesehene Regal zu bringen. Nach dieser Nacht, in der ich mich um einen neuen Aufbruch bemühte und schließlich dann doch nur nichts zu Stande brachte, saß ich wie der von Seeräuber-Jenny längst gebrochene Surabaja-Jonny auf meinem Bett. Brecht besang den Aufbruch der DDR und kriegte ihren Zusammenbruch nicht mehr mit. In dem nach dem Krieg brach liegenden Land brachte er die Menschen zum Nachdenken. Ich kann nicht schlafen. Brecht bricht mir noch das Genick. Dass die Moral nach dem Fressen kommt, wissen wir von Brecht. Das Brechen kommt auch, erfahren wir all zu oft selbst. Viele Verbrecher sitzen in den kleinen Bruchbuden, sind aufgebracht wegen der Ungerechtigkeit der Welt. Andere finden es angebracht, Max Bruch in der Philharmonie zuzuhören (Bruchs Mutter, eine Sängerin, die ihre Stimme verlor, brach daraufhin ihre Karriere selbstverständlich ab.) und wissen nachher nicht, was sie mit dem angebrochenen Abend anfangen sollen. Es gibt auch solche, die alle Beziehungen am Abend abbrechen – und sie machen es oft unüberlegt – es sind Abbrüche in Bruchteilen von Sekunden. Sie schmeißen dann noch ein Glas an die Wand und wundern sich am nächsten Tag über das zerbrochene Glas und aufgebrachte Nachbarn. Sie selbst sind dann zerbrochen und bereuen ihre brachialen Taten. Ich will schlafen. Deshalb bringe ich den Brecht schnell ins Regal. Ich stelle die zwei Bücher wieder zu den anderen Werken von Brecht. Das Regal bricht zusammen – unter der Last von Brecht und natürlich von Bernhard. Während Brecht in Berlin mit der Tradition brach, brachte Bernhard das brach liegende kleine Österreich in die Köpfe von vielen Menschen, die sich eine neue Zukunft ausmalten, in die sie nie aufbrachen und auch nie aufbrechen würden. Er brach schließlich selbst nach Bern auf. Der Weg nach Bern von Bernhard war hart – damals. Ich kann nicht schlafen, die ganze Aktion mit den zwei Büchern von Brecht brachte mir nichts. Das zusammengebrochene Regal liegt jetzt zusammen mit Brecht und Bernhard auf dem Boden. Morgen bringe ich den gelben Bernstein und die Partituren von Bernstein – beide von meiner Oma geerbt – zum Berny. Es bringt Geld. Dann breche ich mit Brecht und Bernhard! Oder ich breche mit ihnen auf. Eine Chance noch sollen sie bekommen. Ich weiß es nicht. Ich will schlafen.

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