Der gemeine Moselidealist am Strand

Der gemeine Moselidealist verließ die Mosel und den Rhein, um seine Gedanken zu purifizieren und läuft jetzt kilometerlang auf einem Sandstrand im Atlantik. Er läuft barfuß, um die Erde direkt unter seinen Füßen zu spüren. Er braucht diesen direkten Kontakt mit ihr, weil daheim alles zubetoniert und mit Glasscherben übersät ist. Links betrachtet er das blaue Nichts und rechts die endlosen Sanddünen. Diese Landschaft ohne die multiplen Billigreize seiner Gesellschaft tut ihm gut. Der Duft des Salzwassers lässt ihn den Uringestank seiner Stadt vergessen. (Seitdem man alle öffentlichen Toiletten privatisiert und die Städte komplett zubetoniert hat, stinkt es überall nach Urin, Hundescheiße und Kotze. Und es stinkt nach Schweiß, seitdem man die Arbeitsverträge von unzähligen Menschen gelockert hat.)
Er läuft weiter, hört dem Geräusch der Wellen zu. Am liebsten würde er ewig laufen, ewig herumziehen, stets auf der Suche nach einer unberührten Landschaft. Vorräte anlegen, rät seine Regierung. Die Botschaft ist klar: Du – Bürger in diesem Land, deine Zukunft gibt es nicht, in Angst sollst du leben, schließ dich in deiner Wohnung zu, kauf dir vorher etwas zum Fressen und Trinken und geh bloß am besten nie wieder raus. Wenn du etwas brauchst, liefern wir heutzutage alles vor die Tür. Geh nicht raus, du hast eh vom Regieren keine Ahnung, wir regeln alles für dich. Sei still, sei demütig, wir leben in schwierigen Zeiten, und deshalb wollen wir wieder gewählt werden. Wir sind nämlich der Garant dafür, dass alles nicht schlimmer wird. Besser geht es leider nicht.

Ich laufe im weichen Sand weiter. Wenn ich wieder daheim bin, werde ich auch laufen. Ein Lauf trotz der grauen Straßen wird es werden. Im Gestank werde ich auf den Scherben weiter laufen.

Mama, weißt du noch, als du als junge Frau fast jedes Wochenende zu einem zwanzig Kilometer entfernten Flugplatz gefahren bist, um Fallschirm zu springen? Ich war fünf und weinte jedes Mal und fragte dich: „Mama, wie komme ich nach Hause, wenn sich dein Fallschirm nicht öffnet und du stirbst?“
Damals wusste ich was Zuhause ist, ich wusste nicht, wie ich dahin komme. Heute laufe ich am Strand, barfuß und ich wüsste wie ich nach Hause komme. Ich bin mir aber nicht sicher, wo mein zu Hause ist. Vielleicht bin ich längst zu Hause, hier am Meer, hier im Sand, hier unter dem blauen Himmel – umgeben vom Geruch des salzigen Atlantiks.

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