Das Mädchen mit bunten Tüchern

Daxlanden, 1931
Das Jahr beginnt mit Licht. Und mit einem Schrei. Ein Mädchen kommt auf die Welt. Sie ahnt noch nicht, dass ihre Kindheit glücklich wird und ihr Erwachsenwerden so schwierig. Vielleicht wird sie denken, es sei normal; so ist jede Kindheit; so ist jedes Erwachsenwerden. Sie kennt es nicht anders. Sie hat keine Vergleichsmöglichkeiten. Sie ist glücklich. Sie spielt wie die anderen Kinder. Sie weiß nichts von der Wirtschaftskrise; sie versteht nicht ihre Eltern, wenn sie über die Politik diskutieren. Sie sprechen auch nicht viel darüber; sie arbeiten hart auf dem Feld und versorgen ihre Tiere.
Daxlanden, um 1939
Das Pferdchen, das sie haben, wird eingezogen. Das achtjährige Mädchen weint vielleicht, ich weiß es nicht. Die Familie nimmt die Situation so wie sie ist. Drei Wochen später marschieren Soldaten an ihrem Haus vorbei; und viele eingezogene Pferde mit ihnen. Die Mutter des Mädchens schaut sich das Ganze an. Plötzlich wiehert ein Pferd; schaut die Mutter mit seinen traurigen Augen an. Sie weißt, dass das ihr Pferd ist. Dem Mädchen erzählt sie davon. Sie muss es erzählen, dass sie das Pferdchen gesehen hatte. Es lebt – ist die Botschaft. Es ist ganz nah bei uns.

Daxlanden, 1939 -1943
Das Mädchen wächst auf. Es besucht die Volksschule. Es träumt davon, Krankenschwester zu werden. Sie ist eine junge Frau, vielleicht viel zu früh erwachsen, auch wenn noch sehr klein und ahnt nicht, dass für ihr Vorhaben zwei Sachen nötig sind: das Geld und der Frieden. An den Frieden denkt sie nicht. Sie weiß nicht, was das Wort bedeutet. Sie kennt nichts Anderes. Sie kennt nur den Krieg und harte Arbeit ihrer Eltern. Sie kennt aber viele Spiele. Sie kennt ihre Umgebung. Wie oft geht sie in den Fritschlach und an den Rhein. Sie kennt jeden Weg; sie kennt alle Schiffe, die am Rhein fahren. Dort sitzt sie stundenlang mit ihren Freunden und lacht. Und wenn ein Schiff kommt, fragen sich alle Kinder, wohin fährt es wohl?

Daxlanden, 19 Uhr, 4. Dezember 1944
Um 19 Uhr ist ein Voralarm zu hören. Dann kommen die schrecklichsten Minuten ihres Lebens. 500 Bomber sind zu hören. Sie haben vor, den Hafen, der ganz in der Nähe liegt, zu treffen. Der Wind ist stark und trägt die Bomben jedoch weiter. Sie verfehlen ihr Ziel und fallen auf Daxlanden. Zuerst die Leuchtbomben; dann die Sprengbomben.

Daxlanden, 23 Uhr, 4. Dezember 1944
Es ist dunkel im Keller. Es herrscht Unwissenheit und Angst. Ich weiß nicht, ob das Mädchen weint; ich weiß nicht was sie fühlt. Dann kommt plötzlich ein kleines Licht rein. Soldaten mit ihren Taschenlampen öffnen die Tür und holen die Familie raus. Sie leben und sie hoffen, dass es die letzte wütende Tat des Krieges war. Sie kommen langsam raus und stehen vor einem großen Nichts. Ihr Haus ist zerstört und im Kuhstall sind alle Tiere tot. Sie besitzen plötzlich nichts. Sie sind die Verlierer der Zeit, nur weil die Kriegsherren mit ihrer Macht spielen. Daxlanden ist ohne Strom, ohne Wasser. Die Straßenbahn ist zerstört. 150 Häuser liegen in Trümmern; andere sind stark beschädigt. Die Heilig Geist Kirche wird vor dem Brand bewahrt. Kaplan Rode versucht, das Feuer der Brandbomben im Dachstuhl zu löschen. Er verletzt sich dabei lebensgefährlich. Ein dunkler und kalter Dezember ist es, aber die Menschen geben ihre Hoffnung nicht auf. Sie wollen das Weihnachtsfest feiern. Alle packen mit an. Die Oberleitungen müssen wieder zusammengeflickt werden. Sie schaffen es. Am 24. Dezember gegen 20 Uhr kann Alfons Weber den Hauptschalter betätigen. Der Heilige Abend erleuchtet. Das Mädchen braucht keine Geschenke an diesem Abend. Das fahle Licht, dass an der Decke brennt, ist ein großes Geschenk für die Familie, auch wenn sie dieses Fest in einem fremden Zimmer feiern müssen. Es wird noch Jahre dauern, bis ihr Haus wieder aufgebaut ist. Es wird noch Jahre dauern, das Erlebte zu verarbeiten.

Daxlanden, 2016
Das Mädchen erzählt mir oft von jener Zeit. Ich weiß nicht, was sie dabei fühlt, ich weiß nicht, wie weit sie ihre Erinnerungen verarbeiten konnte. Sie trägt bunte Tücher und rote Blusen. Sie ist keine Krankenschwester geworden; sie kümmerte sich jedoch stets um die Kranken und um die vielen jungen Menschen, die nächtelang weinend in ihrem Haus saßen. Sie ist immer da, wenn man sie braucht. Sie ist aktiv, sie ist lebensfroh. Manchmal jedoch, wenn die Tage kürzer werden, setzt sie sich still in ihrem Wohnzimmer hin, zündet eine Kerze bei dem Foto von ihrem verstorbenen Mann an und dann blättert sie traurig in ihrem Ratgeber für Witwen. Und manchmal kommen wir oder andere Freunde. Dann werden aus der Werkstatt Weinflaschen geholt und die Flasche Grappa steht auch schon bereit. Es wird gelacht und gesungen. Und um die Mitternacht zündet sie sich eine Zigarette an, lehnt sich in ihrem Stuhl zurück und ist glücklich. Ich verstehe jedoch nicht viel von diesem Glück. Ich weiß nicht, wie dieses Glück aussieht. Es gab in ihrem Leben viele Verluste. Ich weiß aber auch, dass sie auch glücklich leben musste. Ein Leben wie kein Anderes – bunt und traurig; hell und dunkel – ein Leben eines Mädchens, das unser Leben bereichert.

Liebe Luzia, danke für deine Geschichte und danke für deine Freundschaft.

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