Die Umbrüche in meinem Kopf


Könnt ihr euch erinnern, wer der Schuldige gewesen war, bevor die Flüchtlinge kamen? Wen beschuldigte man früher, für die eigene Misere verantwortlich gewesen zu sein? Viele von uns suchen viel zu weit von sich selbst.

Ich genieße den warmen Septemberabend in meinem hellen Wohnzimmer. Die Balkontür offen; lasse ich die Abendsonne rein. Keine Termine, keine Hetze. Das schlechte Buch, das ich gelesen habe, ärgert mich nicht. Ich bin allein, aber keineswegs einsam. Ich sitze einfach hier und lasse meine Gedanken frei fließen.

Victor Jara verlor im September 1973 sein Leben, weil er an den warmen chilenischen Abenden von einem besseren Leben geträumt hatte. Nein, er beanspruchte jene bessere Zukunft nicht für sich. Er wollte sie für das chilenische Volk. Man zerrte ihn in das Fußballstadion von Santiago de Chile. Die Soldaten von Pinochet brachen diesem Theaterregisseur und Sänger mit einem Gewehr alle Finger und forderten ihn auf, auch ohne sein Gitarrenspiel zu singen. Er sang zum letzten Mal „Venceremos“. Wir werden siegen. Darauf schoss man auf ihn. 44 Schüsse.

Ich denke heute an meine ehemalige Dozentin – Kommilitonin von Isabel Allende. In einem Seminar über die lateinamerikanische Geschichte (1999) sagte sie plötzlich mit ruhiger Stimme: „Ich hasse Pinochet und ich wünsche ihm den Tod. Ich entschuldige mich, dass ich es so sage, ich fühle es so.“

Meine Gedanken sind nicht fröhlich, ich weiß es. Es geht mir aber gut. Ich genieße den Abend. Er gibt mir die Kraft, die Welt zu entdecken, neu zu erfinden und von ihrer Geschichte zu lernen. Ich schaue mir meinen Rosenstock an. Die Rosen sind auch dieses Jahr für dich bestimmt. Erinnerst du dich an die letzte Novemberrose? Sie blühte letztes Jahr im November rein zufällig. Dieses Mal habe ich alles kalkuliert. Ich habe den Rosenstock vor zwei Wochen beschnitten, damit er treibt und Anfang November noch zum letzten Mal blüht. Für dich. Ich möchte deinen November, in deinem kalten Land schöner machen.

Amália Rodrigues bereitete in den USA ihre Rückkehr nach Lissabon vor. Sie wusste, dass sie an Krebs litt, aber sie dachte, dass es keinen Sinn hat, jemandem davon zu erzählen. Sie war satt von Amerika, satt von sich selbst. Das Publikum wartete auf sie – mit inneren Angst und zusammengekniffenen Herzen – und es stellte sich die Frage: Wird sie noch nach so vielen Jahren der Abwesenheit singen können? Das Publikum rief bei ihrem Auftritt laut: Amaaalia! Amaaalia! Amaaalia!
Sie konnte singen. Sie sang wie nie zuvor. Ihr Land war frei – befreit von der Diktatur. Sie fühlte sich befreit. (1974)

Lissabon, 2001. Ich sitze im Publikum. Das Lebenswerk von Amália Rodrigues wird mit einem Musikal geehrt. Die Menschen weinen. Ich weine mit. „Was für eine komische Art zu leben und mein schmerzendes Herz…, als ich klein war… ach, mein schon damals verlorenes Leben… Ich habe nie gehört, dass Alan über die Politik sprechen würde; ich weiß nur, dass er sich oft mit Dichtern traf…“

Ich genieße die Wärme des heutigen Abends und denke an meine Mutter. Bratislava, 21. August 1968. Die Truppen des Warschauer Paktes marschierten in der Nacht von allen Seiten in die Tschechoslowakei ein. Meine Mutter, Studentin, war zwanzig. Sie nahm einen Stein in die Hand und wollte ihn nach einem sowjetischen Panzerfahrzeug werfen. Plötzlich öffnete sich die Klappe des Panzers und ein jünger Soldat errichtete sich, entsicherte sein Gewehr und zielte auf meine Mutter. Sie ließ den Stein fallen und rannte weg.

Diktaturen. Revolutionen. Umbrüche. Zäsuren. Die Sozialisten werden von den Kapitalisten bedroht. Die Demokraten bombardieren die Autokraten, während sich diese wehren und selbstverständlich ihre Sicht der Dinge verteidigen. Die Imperialisten betrachten sich als Friedensstifter und die Aufgeklärten sehen sich als Aufgeklärte. Kalter Krieg. Erinnert sich noch jemand, wer an diesem Krieg seine Schuld hatte. Waren es die westliche kapitalistische Welt oder doch die sozialistische Staatengemeinschaft. Es sind immer die Anderen – nur nicht wir.

Die Sonne geht unter. Einfach noch sitzen bleiben. Nachdenken. Genießen. Und dankbar sein – für diesen Abend.

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