Der Kronprinz Julien/Teil II.

Immer wieder unterbrach Julien sein bitteres Erzählen von seinem Leben als Kronprinz. Er sprach gern von Büchern und berichtete mir von seinen Erinnerungen an die Lektüre von Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung. Ich musste beschämt zugeben, dass ich das Buch nicht gelesen habe. Er erzählte aber so schön, dass ich es kaum merkte, dass er einen Bogen spann und wieder von seiner Kindheit erzählte.

Sie sind so kritisch geworden, aber Selbstkritik kennen Sie nicht. Sie sind so pessimistisch geworden, Mutter. Man könnte meinen, dass Sie den Schopenhauer kennen, dass Sie sein Werk “Die Welt als Wille und Vorstellung” tausend Mal gelesen haben und dann so schmerzhaft verinnerlicht haben. Wissen Sie, dieses Buch habe ich mit zwanzig gelesen. Meine Professorin hat es mir ausgeliehen. Sie kannte mich besser als Sie, Mutter. Sie hat einfach nur zugehört, was ich sage. Sie hat ganz tief in mein Herz schauen können und hat sehen können, was schon damals darin brodelte. Sie erkannte das Leid, das ich damals noch nicht spürte. Sie wusste,welche Bücher mich lebenlang begleiten werden. Haben Sie mich damals gefragt, warum ich so traurig herumlaufe? Nein, Sie haben es mich nicht gefragt; Sie haben mir vorgeworfen, dass ich Drogen nehme und deshalb nicht schlafen kann. Ich war nur traurig, dass für Schopenhauer das höchste Glück ein Leben ohne Schmerzen ist. Ich hielt es damals noch nicht für möglich.
Haben Sie mich gefragt, ob ich bei jenem schäbigen Schulwettbewerb Erfolg hatte? Wir sollten ein Gedicht lernen und es in der Schule vortragen. Zusammen mit Ihnen habe ich das Gedicht ausgewählt. “Marina, für immer meine, so sind wir, wie die Blumen auf der kalten Erde, wie die Flammen Gottes, wie Edelsteine sind wir. Die Blumen welken, auch wir verwelken, die Sterne fallen, auch wir werden fallen und das Herz bewahrt die Edelsteine auf.” Wissen Sie wie der Wettbewerb ausgegangen ist? Haben Sie je danach gefragt? Ich begann zu rezitieren und die Lehrerin hat angefangen zu schreien. Sie befahl mir, dass ich mich setze. Die Institution Schule akzeptierte es nicht, dass ich mit meinen zwölf Jahren dieses Liebesgedicht vortrage. Erniedrigt hat sie mich. Die Poesie hat sie in mir fast getötet. Sie haben aber, Mutter, zugelassen, dass ich weiterhin auf diese dämliche Privatschule gehe, wo man nur Disziplin lernen konnte. Ich war der Kronprinz unseres Landes und ein Kronprinz sollte gut auf seine Lebensbahn vorbereitet werden, haben Sie immer gesagt. Ich wollte es aber nicht, ich wollte nie Jura oder Wirtschaft studieren. Ich musste zuerst aufs Gymnasium und dann an die Universität. Wissen Sie was ich wollte? Ich wollte Gärtner werden. Ja, das wissen Sie wohl; ich habe es Ihnen erzählt, aber Sie haben mir es nicht erlaubt. Sie sagten, dass Sie sich nicht einen Sohn wünschen würden, der auf einem Kartoffelfeld auf dem Traktor herumfahre. Ich habe Ihnen widersprochen: Ich werde nicht auf dem Traktor fahren. Ich werde mich um viele Kopfsalate kümmern und jeden Tag schauen, ob sie genug Wasser haben. Auch um die Tomatenpflanzen werde ich mich kümmern; sie pflegen; anbinden, wenn nötig und gießen. Und überall werde ich in unserem Königreich Blumen einpflanzen; tausende Blumen.
Dann haben Sie doch darauf verzichtet, dass ich Jura oder Wirtschaft studiere und ich durfte das kleinere Übel wählen und studierte Sprachen und Literatur. Haben Sie mich je dabei begleitet? Haben Sie sich je dafür interessiert, wie mein Geist nach und nach verkümmert? Wussten Sie, dass ich die Lektüre meiner Universität verabscheute? Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Ansichten eines Clowns, Kassandra, Häutungen. Ich habe Sie alle nicht verstanden, nicht verstehen können. Wissen Sie, dass ich dann in die russische Literatur des 19. Jahrhunderts geflüchtet bin? In dieser russischen Literatur fand ich dann alles was ich brauchte: Protest und Abwehr. Meine Seele wurde zunehmend düsterer und dunkler. Dann bin ich einfach aufgebrochen. Sie haben mir den Aufbruch nicht verbieten können, weil ich schon erwachsen war, Sie haben gedacht, dass wenn sie mir den Geldhahn abdrehen, dass Sie mich an meiner Reise durch die Welt hindern könnten. Sie haben sich aber geirrt. Ich war fest entschlossen, dass ich ein anderes Leben leben will, dass ich nicht mehr der Kronprinz meines Landes sein will. Ich hatte kein Geld. Aus mir wurde ein Vagabund. Ich habe geklaut und betrogen, ich habe mich prostituiert, um essen zu können. Ich habe Europa gesehen, und ich habe das Leben gelebt; ja, gelebt habe ich, die bloße Existenz auf einem königlichen Hof war nicht meine Vorstellung vom Leben. Selbst dann haben Sie mich nicht gefragt, wie ich überleben konnte. Wir haben uns in dieser Zeit noch mehr auseinandergelebt. Mein Blick auf die Welt wurde immer differenzierter und der Ihre immer enger. Ihr Königreich begann zu zerfallen. Sie haben den Schuldigen dafür gesucht und immer auch gefunden. Zuerst waren das die Sinti und Roma, die angeblich Ihr Reich zersetzen. Damals, als wir uns in Paris getroffen haben, habe ich Sie zum ersten Mal von Hitler sprechen gehört. Sie fanden seine Theorie von der Rassentrennung gut und ich blieb nur stumm. Ich konnte es nicht glauben, dass meine Mutter so sprechen kann. Ich habe Ihnen nicht widersprochen, Sie nicht eines Besseren belehrt. Dann haben Sie angefangen alle Ausländer zu hassen, ohne zu reflektieren, ohne nachzudenken. Sie haben irgendwann nur gehasst, Sie haben mal Amerika, mal Russland gehasst. Und dieser Hass vergiftete Sie. Dieser Hass zerstörte Sie und Ihr Königreich. Dann kam ein Unglück nach dem Anderen. Zuerst brannte Ihr Palast fast vollständig nieder, dann kam die große Flut. Irgendwann haben Sie Geister in Ihrem Zimmer gesehen und Sie baten mich um Hilfe. Ich konnte Ihnen nicht helfen, weil egal, was ich gesagt habe, war falsch, war idiotisch. Jetzt leben Sie in ständiger Angst vor einem imaginären Feind und strafen mich ab. Sie lassen mich nicht atmen, Sie lassen mich nicht, mich weiter zu entfalten. Ohne Hass, ohne die vielen negativen Gedanken und ohne die unzähligen vergifteten Sätze will ich leben.
Ich habe immer alles versucht. Sogar die Krone habe ich immer getragen. Auch hier habe ich sie getragen, damit ich Ihnen Freude bereite, wenn Sie mich in der Zeitung sehen. Natürlich haben Sie meine Jeans und die Sportschuhe kritisiert, die nicht ganz zu der Krone passen wollen. Man hat mich für einen Irren gehalten, ein Irre mit Krone, hat man hinter mir gerufen. Ich habe es alles für Sie gemacht und erduldet.
Ich liebe Sie und doch kenne ich keinen Ausweg. Ihr Königreich liegt in Schutt und Asche und unsere Beziehung auch. Ich wünsche mir nur eine einfache Liebe einer Mutter, ich brauche keine Liebe einer stolzen Königin. Ich wünsche für uns Frieden. Es bleibt nicht viel Zeit…

Julien unterbrach plötzlich sein Erzählen und sagte erregt: “Ich muss weg. Ich versuche es nochmal. Ich muss Ihr helfen.” Und dann lief er wie verrückt los. Ich schrie ihm hinterher: “Lauf, Julien, lauf!….”
Ich habe ihn nie wieder gesehen. Ich hoffe, dass er an seinem Ziel ankam. Ich hoffe, dass er seine Qualen von sich abschütteln konnte und dass er so frei leben konnte, wie es sein innigster Wunsch gewesen ist.

Fortsetzung:

https://umdenken-jetzt.com/2016/10/19/der-kronprinz-julienteil-iii/

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