Die Minutenhäuser

img_2801Nie wieder werden wir in die Häuser unserer Eltern zurückkehren können. Sie sind längst verkauft worden, verlassen, in letzter Minute verscherbelt. Sie sind aufgegeben worden, zerbombt oder einfach zerfallen. Die Gärten verwilderten, die Dächer stürzten ein. Manche sind stehen geblieben; fremde Leute zogen ein. Wir laufen dann vorbei, ängstlich durch die Fenster spähend, und hoffen, an den Wänden des Wohnzimmers ein kleines Stück unserer Vergangenheit zu entdecken. Wir sehen nichts. Die Gardinen sind gnadenlos zu, die dicken Vorhänge versperren uns die Sicht. Und die Zypressen im Vorgarten erschweren ebenfalls unsere Suche nach der Kindheit. Alles ist weg, alles ist verloren. Die Räume und die Ausblicke in den Garten fraß die Zeit.

Nun wohnen wir in trostlosen Bauten, zementiert, zubetoniert, begradigt, normiert. Die Mieten steigen; die Wohnungen werden immer kleiner. Autobahnen und andere Schnellstraßen sind unsere neue Idylle. Kredite, die wir vielleicht nie abbezahlen können, weil die Spekulanten immer dreister werden und der Staat hinter ihnen steht, machen uns starr. Die Häuser der Vergangenheit sind verschwunden. Die Gärten, in denen man einst auf einer Bank mit einem Buch saß, sind für immer weg. Mit ihnen verschwanden die Hängegeranien und Hortensienbüsche. Der kleine Teich trocknete aus. Auch die bloße Idee, dass es so etwas gibt oder gab, verschwamm vor Jahren.

Dann laufen wir, Touristen auf der Suche nach Glück, auf einer der Inseln im Atlantik, schauen uns die paradiesische Gegend an, betrachten jedes Häuschen mit endloser Sehnsucht. Wir träumen, richten uns das Häuschen schon ein, pflanzen im Kopf allerlei Blumen in den Garten. Wir sind einen Augenblick glücklich, aber dann kommt der Fall. Nein, auf dieser Insel werde ich nie leben können. Das idyllische Häuschen werde ich nie kaufen können.

Ich richtete mir heute auch ein kleines Häuschen ein. Sortierte im Kopf meine zweitausend Bücher aus; ich behielt nur hundert, damit sie reinpassen. Ich pflanzte rechts und links zwei schöne Farne ein. Ich überlegte, wie und wo ich ein Gemüsebeet anlege. Alles nur eine Illusion, alles eine vergebliche Mühe, ich war jedoch für ein paar Augenblicke glücklich.

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