Der Mut zu einem anderen Leben

Viele von uns suchen nach einem Stückchen Ruhe auf einem schmalen Waldweg oder hier auf dem Jakobsweg – irgendwo zwischen León und Astorga. Hier sind wir nun alle – in einem kleinen Dorf San Martín del Camino. Penelope, eine Amerikanerin im besten Alter, sahen wir schon ein paar Tage nicht. Sie läuft jedoch weiter, froh ihren Job in Oregon gekündigt zu haben. Nach ihrer Rückkehr nach Hause will sie wieder studieren. Ebenfalls sahen wir schon lange nicht den jungen Mann indischer Herkunft aus England, der auch seinen Job aufgab und nun nach Santiago pilgert.

Wir wissen aber, wo sich der 30-jährige Koreaner befindet. Wir sahen ihn heute zwei Mal. Wir verbrachten mit ihm einen Abend in León. Wir aßen zuerst zusammen neben der Kathedrale und danach tranken wir auf der Plaza Mayor zwei Wodka-Lemon. Er begann zu erzählen: “Ich habe meine Eltern nie gekannt. Ich bin allein in einem Kinderheim mit meinem Bruder aufgewachsen. Ich habe immer als Modedesigner gearbeitet. Ich habe viel Geld verdient. Ich musste jedoch fast ohne Unterbrechung arbeiten. Nach der Arbeit habe ich viel getrunken, wie alle Koreaner, die hart arbeiten. Ich bin dann immer zur Arbeit gegangen, ohne genügend zu schlafen. Wir sind in Südkorea nur arbeitende Maschinen, sonst sind wir gar nichts. Ich hasse Korea, ich hasse mein Leben dort. Ich möchte nie wieder zurück – in ein Land, das von allen Seiten abgeschnitten ist – im Westen, Osten und im Süden vom Meer, im Norden von Nordkorea. Ich wünsche mir so sehr, dass es eines Tages möglich wäre, mit dem Zug nach China zu fahren.”

Der junge Mann gab seinen gut bezahlten Job auf und verließ sein Land. Er wollte nicht weiter sein Luxusleben mit seinem Leben bezahlen müssen. Er machte eine Liste, was er in nächster Zeit unternehmen möchte. Er flog nach Wladiwostok in Russland und fuhr vom Osten des Landes mit der Eisenbahn nach Sankt Petersburg. Er lebte in Sibirien am Baikalsee; er lernte Kaukasus kennen; fuhr nach Moskau und Sankt Petersburg. Sein zweiter Wunsch war, mit dem Fallschirm zu springen. Diesen Wunsch erfüllte er sich in Tschechien, in der Nähe von Prag. Seinen dritten Wunsch verwirklicht er jetzt gerade – er geht den Jakobsweg. Dann hat er noch drei Wünsche. Er möchte zu den Pyramiden nach Ägypten und auf die Osterinseln. Anschließend wird er ein Jahr lang in Australien arbeiten, um somit das Land bereisen zu können. Mit 30 ist er ausgebrannt, aber nun lacht er viel. Er sagt, er sei so glücklich hier – auf dem Camino. Ich bewundere seinen Mut. Er stärkt mich in meinen Plänen für die nahe Zukunft. Ich werde zuerst zu den Eltern fahren – in die slowakischen Berge. Am Heiligen Abend besteige ich den höchsten Berg von Spanien – den Teide auf Teneriffa. Dann geht es im Februar nach Lanzarote, um diese schöne Insel noch besser auf vielen Wanderungen kennen zu lernen. Im Sommer will ich dann nach China – dieses Ziel scheint mir aber zur Zeit unrealistisch. Der Plan B sind die drei Kanarische Inseln, die ich noch nicht kenne: La Gomera, La Palma und El Hierro. Und in der Zwischenzeit werde ich meine Gemeinde, in der ich lebe, in eine blühende, autofreie Gemeinde, in eine lebendige, friedliche und grüne Gemeinde verwandeln. Da wartet noch sehr viel Arbeit auf mich.
Wir wanderten heute 24 km aus León nach San Martín del Camino. Langsam wird die Landschaft wieder grüner. Wir nähern uns den Bergen, wir nähern uns Galizien. Nach Santiago sind es noch 295 km. Heute hatte wir Glück. Unsere Herberge besteht aus mehreren Häuschen und wir bekamen das hinterste Häuschen in einem großen Garten. Wir genießen unser Glück.

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