Ich war ein schlechter König

Als mein Vater starb, wurde ich, sein einziger Nachkomme, König von Kastilien und León. Ich war sehr jung und regierte mein Land mit der gleichen unsinnigen Härte wie mein Vater. Ich ließ keine andere Meinung zu, bestrafte das Volk für jede Kleinigkeit und bereicherte mich auch von dem Wenigen, was meine Untertanen hatten. Ich lebte abgeschnitten von der Welt und es vergingen Jahre und ich hatte niemanden, mit dem ich mich austauschen konnte. Ich verkümmerte in meinen Palästen und je verzweifelter ich war, desto härter und dummer regierte ich. Ich entfachte viele kleine Kriege an der Grenze meines Königsreiches, die niemanden etwas gebracht haben. Ich wurde immer blasser, immer schwächer. Meine Bösartigkeit verschwand jedoch nicht. Ich hörte schon Schreie meines Volkes unter meinen Balkonen und unternahm immer noch nichts. Meine Minister warnten mich vor meinen grausamen Taten und ich hörte nicht zu.

Eines Tages brachte mir meine alte Mutter ein Buch. Ich las es und fand darin folgende Worte des Dichters Gonzalo de Berceo: “Du kannst den Körper töten, den Leib quälen, aber über die Seele, König, hast du keine Gewalt.” Darauf zog ich mich zurück auf meinen Sommersitz in Riego de Ambrós und dachte viel über mein unsinniges Leben nach. Dort sah ich viele Pilger, die glücklich nach Santiago zogen. Sie waren stärker, gesünder als ich und vor allem strahlten sie eine besondere Güte aus. Ich sah nie den gleichen Zorn in ihren Augen wie ich ihn oft in meinem Spiegel sah. Nein, ich zog nicht mit ihnen weiter, dazu war ich viel zu schwach. Ich unternahm nur viele Spaziergänge in dieser wunderschönen Gegend. Die Natur mit ihren Bergen war es, die mich von nun an prägte, die mich einen anderen Weg gehen ließ. Nach zwei Jahren kehrte ich nach León zurück. Ich wollte ein guter König sein. Ich wollte es noch einmal wagen, mein Land mit Gerechtigkeit und Liebe zu regieren. Als ich in meiner einfachen Kleidung auf meinem Ross vor meinem Palast stand, erkannten mich die Wächtergarden nicht. Sie sagten nur: “Der König will heute nicht gestört werden.” Ich ritt also ganz still zum Marktplatz und dort auf dem Markt erfuhr ich, was in den zwei Jahren meiner Abwesenheit geschehen war. Als sich die Kunde meines Rückzugs verbreitete, nutzten es andere mächtige Familien aus und besetzten große Teile meines Landes in nur einer Woche. Längst war ein anderer König von Kastilien und León und ich war plötzlich ein armer einfacher Mann. Nun entschied ich mich sofort und schloss mich den vielen Pilgern an und folgte ihnen – glücklich, frei und sorglos – nach Santiago. Als ich in der Kathedrale von Santiago ankam, wurde mir klar, dass ich für immer dort bleiben will. Ich betreute dann den Rest meines Lebens die Pilger, die auf ihrem Weg krank oder verletzt wurden und spendete ihnen Mut zur Genesung. Eines Tages traf ich eine alte Frau, die zu mir sagte: “Gnädiger König, Sie sind der beste König von Kastilien und León, den dieses Land je erlebt hatte.” Überrascht fragte ich sie, warum sie so einen Unsinn rede. “Ich war grausam, ungerecht und brachte nur Leid über mein Land.” Darauf erwiderte sie: “Ja, Sie waren grausam, sogar sehr grausam, aber Sie waren der erste König, der es erkannte. Sie waren der erste Herrscher, der sich freiwillig zurückzog und die sinnlose Herrschaft rechtzeitig aufgab. Dafür schätze ich Sie, mein König, weil Sie erkannt haben, dass Sie ein schlechter König waren.”

Dann weinte ich stundenlang, beschämt, aber glücklich, dass ich irgendwann doch eine kleine Wertschätzung meines Lebens erfahren durfte. Ich kümmerte mich noch eifriger um jeden Menschen, der meine Hilfe benötigte und nun bin ich alt und müde und werde mich noch einmal zurückziehen. Jetzt wird es für immer sein.
Wir bewältigten heute eine lange, aber sehr schöne Wanderung von 36 km durch die Berge von Murias de Rechivaldo nach Riego de Ambrós. (20. Etappe) Dieses Dorf ist ein Traum für jeden Aussteiger. Allerdings sitzen wir jetzt in einem Restaurant und müssen uns rassistische Hasstiraden eines Mannes anhören.

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