Wir brauchen Visionen und Taten jetzt

“Tagtäglich zitterten und brüllten in der räucherigen, öligen Luft über der Arbeitervorstadt die Töne der Fabrikdampfpfeife, und ihrem Ruf gehorchend, kamen aus den kleinen grauen Häusern finstere Menschen, die ihre Muskeln durch Schlaf nicht hatten erfrischen können, gleich erschreckten Schaben auf die Straße gelaufen.” (M. Gorki: Die Mutter, 1907)

Irgendwo in Europa, einhundertzehn Jahre später

Keiner geht heute raus. Es ist windig, die Luft stinkt nach einem nahegelegenen Kohlekraftwerk und die Menschen sitzen an ihren Frühstückstischen, mit schlaffen Muskeln halten sie ihre Mobiltelefone und checken die Nachrichten der letzten Nacht. Es ist Samstag und der Tag vergeht, aufgefressen durch Langeweile. Kaum jemand kümmert sich heute um die Bedürftigen. Kaum jemand hat eine zündende Idee, wie man diese Welt noch retten könnte.

Ich fühlte mich auf dieser Welt einsam. Ich rannte eines Abends in den Garten und legte mein modernes, teures Mobiltelefon auf einen Ziegelstein und mit einem anderen Stein schlug ich dreimal auf das Telefon ein – mit meiner ganzen Kraft, mit meiner ganzen Wut und Verzweiflung. Am nächsten Morgen schaute ich mir die Überreste meiner Tat an und nahm vorsichtig, was noch übriggeblieben ist, in meine Hände und trug es an die Mauer meines Gartens. Dort begrub ich mein Mobiltelefon samt der Simkarte. Dann löschte ich mein dämliches Facebookkonto und befreite mich aus diesem Wahnsinn, der um uns greift.

“Wieder war ein Tag von der Fabrik aufgezehrt, die Maschinen hatten aus den Muskeln der Menschen so viel Kraft gesogen, wie sie brauchten. Der Tag war spurlos aus dem Leben ausgelöscht, der Mensch war dem Grabe wieder einen Schritt näher gekommen, er sah jetzt den Genuss des Ausruhens, die Freuden der räucherigen Schenke dicht vor sich und war zufrieden.” (Ebd.)

Als ich noch zur Arbeit ging, hatte ich keine Kraft, eine Kneipe aufzusuchen und ich fand auch keinen, der noch dazu Kraft gehabt hätte. Das Betäuben funktionierte wunderbar auch zu Hause in der Einsamkeit. Jetzt muss ich nie wieder arbeiten und suche nach dem Sinn des Lebens, den ich nicht finden kann. Vor zwei Tagen traf ich auf der Straße einen älteren Herrn, der mir erzählte, er sei ausgebrannt. Er würde sich nicht mehr ehrenamtlich engagieren, er müsse nun nur an sich selbst denken. Soweit sind wir gekommen. Der Staat übergibt seine Aufgaben an die Investoren und wir übergeben die unseren an den Staat. Der Zusammenhalt verschwand mit dem Ausverkauf der Gesellschaft und dieser maßlose Ausverkauf des Sozialstaates katapultierte uns nach Russland von 1907. Uns geht es nicht gut. Über die Reichen und ihre Ängste wissen wir nichts. Die Mittelschicht gaukelt sich selbst vor und schließlich uns allen, dass sie glücklich ist. Dabei geht es ihr längst an den Kragen. Sie lebt immer noch gut, rundum versichert, aber sie schafft es nicht mehr angstfrei zu leben. Sie ist ausgebrannt. Sie bewegt sich nicht mehr, sie kommt nicht aus dem gewohnten Trott heraus. Ihre Aussichten auf eine gute Rente schwinden und das Wochenende ist nur die Vorstufe der Montagshölle. Jeden Montag beginnt der stramme Takt der Uhr, der Perfektion und der neuen Vorschriften, die die Produktivität weiter steigern sollen.

“Wenn sie einander begegneten, sprachen sie über die Fabrik, über die Maschinen, schimpften auf die Meister – sprachen und dachten nur das, was ihnen nahe lag und Bezug auf ihre Arbeit hatte. Nur vereinzelte Funken ungeschickter, kraftloser Gedanken leuchteten in der langweiligen Öde der Tage auf.” (Ebd.)

Fast niemand in meiner Umgebung erkennt sich in diesem Text, obwohl ich so viele Menschen kenne, die fälschlicherweise ihr Leben für eine sinnlose Tätigkeit verwenden. Nein, ich plädiere nicht dafür, dass man nicht arbeitet. Um Gottes Willen! Ich denke aber, es muss Schluss sein mit der Arbeit unter den Bedingungen, die heute in der kapitalistischen Welt vorherrschen. Wir beuten die armen Länder aus, wir lassen uns von der Wirtschaft ausbeuten. Wir lassen uns krank machen, psychisch unter Druck setzen und der Staat verkauft uns weiter an die Investoren. Wir leben in einer vergifteten Umwelt und die Herren da oben sagen, dass es nicht bewiesen sei, ob das oder jenes Gift gesundheitsschädlich sei oder nicht. Die Feinstaubbelastung wird immer dramatischer, das Insektensterben schreitet voran und nur wenige unternehmen etwas, weiter wie bis jetzt zerstören wir uns und unsere Kinder. Auf eine Revolution hat keiner Lust und keiner Zeit dafür.

“Das Leben war immer so – es floss wie ein trüber Strom gleichmäßig und langsam Jahr für Jahr dahin und wurde durch feste, uralte Gewohnheiten, Tag für Tag ein und dasselbe zu denken und zu tun, zusammengehalten. Und niemand hatte Zeit oder Lust, eine Änderung zu versuchen.” (Ebd.)

Meine eigene Mutter krempelt sich schon ihre Ärmel hoch und wird in einer Woche in einem osteuropäischen Land in den Bezirkswahlen die Faschisten wählen. Sie ist stolz darauf. Sie hätte alles verstanden, alles im Internet nachgeschaut. Ich müsse noch viel lernen, sagte sie, weil ich im Sozialismus die Zukunft sehe. Sie wisse es besser, weil sie gebildeter als ich sei, wiederholt sie Mantra artig. Wozu hätte ich zwei Uniabschlüsse, wenn ich nicht weiß, dass die einzige Lösung sei, alle Ausländer rauszuschmeißen, alle Sinti und Roma auszurotten, die EU zu zerschlagen. So eine Mutter habe ich. Eine Mutter, die mit Gorkis Mutter keine Ähnlichkeiten hat. Meine – gebildet und wohlhabend – unterstützt die Faschisten. Gorkis Mutter – ungebildet und arm – unterstützte seinen Sohn im Kampf für eine bessere Welt, für ein besseres Leben der Arbeiterklasse. Eine traurige Zukunft erwartet uns, wenn wir nicht aufwachen!, und wenn wir nicht dieses System des sterbenden und dadurch noch gefährlicheren und rabiateren Kapitalismus ändern.

Ich und mein Freund werden nicht verzagen. Wir suchen weiter nach den Ideen, die diese Gesellschaft verbessern, oder sogar retten. In unserer nahen Umgebung sind wir allein. Ja, viele werden sagen, das stimmt nicht, aber ich sehe in unserem Dorf keinen Willen und keine Bereitschaft, etwas zu ändern. Klitzekleine Veränderungen reichen Leider nicht mehr aus. Wir pflanzten Bäume und keiner ahmte uns nach. Wir produzierten Waschmittel aus Kastanien, stellten Körper- und Haarseife her und keiner folgte uns. Wir stellten eine Körpercreme her und alle schmieren sich weiter ungesunde chemische Produkte in ihre Haut. Wir verkauften vor Jahren unser Auto und keiner folgte unserem Beispiel. Wir leben vegetarisch und versuchen es immer wieder vegan und wir hören nur, es sei extrem. Ich kündigte meine Arbeit, weil wir das Geld nicht brauchen und weil mich meine prekäre Beschäftigung krank machte und ich höre jeden Tag, dass es so nicht geht. Wir versuchen auf Plastik zu verzichten und keiner schließt sich an.

Vor zwei Tagen starteten wir ein neues Projekt. Wir legten auf den Tisch genauso viel Geld, wie viel zwei Arbeitslose für einen Monat zur Verfügung haben. Davon zogen wir unsere Stromkosten und die Kosten für Telefon ab. Nun versuchen wir mit diesem Geld einen Monat auszukommen. Wir wollen es wissen, wie es den Menschen geht, die auf HARZ IV angewiesen sind, wir wollen es wissen, ob wir es schaffen. Und da wir wohlhabend sind, schonen wir damit die Umwelt, weil wir weniger konsumieren werden. Wer schließt sich an? Wer will es wissen, von denen die sich es leisten können, ein solches Projekt durchzuführen? Möchte es niemand wissen, wie es diesen Menschen geht? Desinteresse oder einfach Bequemlichkeit? Möchte es niemand wissen, wie es den vielen Menschen geht, die auch trotz Arbeit kaum vom ihrem Verdienst leben können? Wir wollen es wissen und hoffen, dass es auch unser Leben positiv verändert. Und wer weiß, vielleicht können wir mit dem gesparten Geld noch mehr Gutes tun und bewegen. Wir haben Visionen.

“… kann man sich einrichten, sich um seinen eigenen Wohlstand sorgen und sagen, der Rest der Menschheit kümmert mich einen Dreck, denn die Welt ist eben schlecht, und jeder Versuch, sie zu verbessern, zum Scheitern verdammt. Es gibt ja heute den abwertenden Begriff des “Gutmenschen”. Jemand, der sich für Schwächere oder für eine bessere Gesellschaft einsetzt, wird als Gutmensch abqualifiziert, will heißen, wer so handelt, ist ein Trottel. Die Smarten, Klugen haben längst begriffen, worum es auf dieser Welt wirklich geht: Sie kümmern sich um ihren eigenen Vorteil und sorgen damit letztlich auch für das Wohl aller. Denn das allgemeine Gute, so lehren uns die “Wirtschaftsweisen”, die Adam Smith nicht verstanden haben, resultiert daraus, dass alle Akteure nur an das denken, was für sie selbst das Beste ist. Für die Profiteure der heutigen Verhältnisse, für die ökonomisch Mächtigen, ist ein solches Wertegefüge natürlich ideal.” (S.Wageknecht: Couragiert gegen den Strom)

Wer liest noch in unserem Umfeld? Gorki und Wageknecht werden in Unwissenheit diffamiert. Die Bücher seien so teuer. Die meisten haben keine Zeit, da sie sich im Internet “informieren”, wo sie nach Nachrichten suchen, die ihnen ins Zeug passen. Und dann tönen sie laut ihre Wahrheiten heraus. Ich lebe nun in einem größeren wohlhabenden Dorf. Nichts bewegt sich hier. Nichts ändert sich. Lieber spart man Geld für eine noch höhere Mauer und einige Sicherheitskameras, anstatt sich zusammen zu setzen und Visionen zu entwickeln. Es gab vor zwei Jahren eine Zukunftskonferenz, von der nichts übrig blieb. Mein Text wird wahrscheinlich wie eine Bombe einschlagen und ich würde mir billige Ausreden der Menschen anhören müssen. Alle werden sich mit tausenden Argumenten verteidigen. Und die Emotionen werden hoch kochen. (“Die Intensität unserer Emotionen verhält sich umgekehrt proportional zu unserer Kenntnis der Fakten.” B. Russel)
Oder wer weiß, vielleicht klingelt mein Festnetztelefon und eine Stimme sagt: “Lass uns doch unser Dorf verändern. Wir werden ein Versuchslabor der Veränderung und die ganze Welt wird auf uns schauen und unserem Beispiel folgen.”

3 Kommentare

  1. Danke für diesen Artikel. Es ist schön zu sehen, dass es überall Menschen gibt, die etwas verändern wollen und das auch ganz aktiv angehen. Ich verstehe die Situation sehr gut, in unserem Dorf stoßen wir auch größtenteils auf taube Ohren, dann heißt es z.B.: „Da kann man als Einzelner eh nix machen…“ aber dagegen hilft es sich mit anderen auszutauschen, die ähnlich denken und bestätigen, dass man das richtige tut. Manchmal bin ich aber auch einfach nur unfassbar traurig und wütend über die Ignoranz, Dummheit, Gemütlichkeit usw. mancher Menschen.
    Und damit nur das Beste für euch und das neue Projekt, ich bin gespannt, wie es weitergeht.
    PS: Und wir leben z.B. von staatlicher Hilfe und haben nie in unserem Leben Schulden gehabt oder am Monatsende kein Geld mehr o.ä. Es ist also auf jeden Fall möglich der Welt Gutes zu tun und auf seine Mitmenschen zu achten und dabei selbst genug zum Leben zu haben. 🙂

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  2. dein Betrag klingt sehr traurig und pessimistisch
    doch man kann niemanden von aussen ändern
    man muss mit den Menschen sein..
    wie lebt dein Nachbar..wie denkt er
    sich hineinversetzen und nicht (ver) urteilen
    gerade auf den Dorf sind gewachsene Strukturen
    aber auch eine Gemeinschaft
    wenn man da etwas bewirken möchte muss man sich erst einmal einbringen
    versuchen zu verstehen
    und dann sehr behutsam sein ..
    dass deine Mutter so denkt tut mir Leid
    ich frage mich oft wie gerade Menschen die eine gewisse Bildung haben so denken können ..
    bei FB bin ich nicht und mein Handy tut mir gute Dienste
    ich mache meine Fotos damit und bin mit der Familie verbunden ..
    auch wenn man mich als Gutmenschen betitulieren würde so hält mich das doch nicht davon ab etwas für Andere zu tun
    und auch meine Meinung zu vertreten

    ich glaube es gibt schon viele positive Ansätze und man sollte nicht nur nach dem Schlechten schauen denn sonst verzweifelt man

    ich wünsche dir alles Gute
    Rosi

    Gefällt 1 Person

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