Der Weg zur Freiheit

„Vergebens wühlt der Träumer wie in Schutt in seinen alten Träumen und sucht in ihrer Asche nach einem wenn auch noch so schwachen Fünkchen, um es anzufachen und mit dem neu entzündeten Feuer sein erkaltetes Herz zu erwärmen, um in ihm alles wiederzuerwecken, was ihm einst so teuer war, was die Seele rührte, das Blut in Wallung brachte, Tränen in die Augen trieb und so wunderbar trügte!“
(F. Dostojewski: Weiße Nächte)

Und dann erlangte er die große Freiheit, nach der er sich schon immer gesehnt hatte. Er stellte seinen Fernseher auf der Straße ab, zerschlug sein Handy und begrub es in seinem Garten. Plötzlich war er nicht mehr online. Das Letzte, wozu er noch sein Handy benutzte, war eine kurze SMS mit der Kündigung an die Leiterin seiner Schule. Mehr war nicht drin, mehr war nicht nötig. Er dachte an das Sprichwort: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“ Ein prekärer Arbeitsvertrag schrie doch nach einer prekären Kündigung. Die Freiheit konnte beginnen. Dann kam noch eine große Trennung. Er verschenkte seine 3000 Bücher. Die Bände, die niemand wollte, entsorgte er in der Papiertonne. Leicht war nun sein Koffer, jedoch ziemlich schwer der Koffer seiner Vergangenheit und seiner angeblichen Sicherheit. Er stellt jetzt eine große Vase mit Blumen auf den Tisch und wartet auf die lang ersehnte Freiheit, die immer noch nicht kommen will. Traurig schaut er sich die grauen Straßen seines Dorfes an, tief unglücklich betrachtet er die immer wieder gemähten ausgetrockneten Rasenflächen seiner Umgebung. Er fühlt sich so leer, so leblos, wenn er sich das leblose Reststück der Natur anschaut. Er pflanzt Rosen auf diese Flächen. Er befreit seine zehn Rosen aus den Tontöpfen in der Hoffnung, den Rosen die Freiheit schenkend, seine Freiheit zu erlangen. Nur die schöne Kletterrose konnte er nicht mehr befreien. Sie soll sich weiter an dem grauen Gerüst festhalten. Und dann schaut er sich traurig diese Rose an, die ihre überzüchteten Köpfe nicht aufrecht halten kann und er denkt an die trügerische Schönheit, die diese Rosenblüten verbreiten – die leblose Schönheit – der langsame Tod des Wahren und des Lebendigen. Und dann sagt er oft, dass er morgen zu seiner Freiheit losstartet, er sagt, dass er das Alte abwirft, dass er die Vergangenheit hinter sich lässt. Und dann kommt ein neuer Tag und er kämpft müde und seltsam ratlos gegen die Folgen der menschlichen Entwicklung. Er gestaltet mit stiller Langsamkeit seine Umgebung. Er renaturalisiert sie, macht sie ursprünglicher und authentischer und dabei erleidet er Tag für Tag neue Rückschläge. Viele ziehen nicht mit. Sie wollen den Status Quo beibehalten – aus Angst vor dem Neuen. Nein, er muss weiter gehen, weiter experimentieren, ohne zu ruhen. Na und, dass viele etwas horten und selbst darüber stolpern, na und, dass viele einer Erwerbsarbeit nachgehen, obwohl sie diese gar nicht brauchen würden. Er hat diesen Weg aufgrund seiner finanziellen Sicherheit abgelehnt und er will nicht mehr zurück. Er hat alle erdenklichen Möglichkeiten, seinen Weg zur Freiheit weiter zu bestreiten. Bloß die Angst abzulegen, muss er noch lernen. Die Angst davor, dass er nichts bewegen kann. Er geht in den Garten und er schaut sich die wunderschöne Kletterrose an, die ihre Köpfe hängen lässt oder sogar hängen lassen muss. Er hebt dabei ein wenig seinen Kopf an und schreitet weiter zu seiner erträumten Freiheit.

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