Am Ziel

Die letzten zwei Tage schleppe ich mich ans Ziel meines Pilgerweges. Der Regen verzieht sich und somit werde ich nur von leichten Bauchschmerzen, Fieber und schwachen Beinen geplagt. Ich bin angekommen. Die Ankunft gilt jedoch nur für diesen einen Pilgerweg, das Leben ist dann schon eine andere Sache. Ich habe nur noch eine letzte Chance, von diesem Weg etwas zu lernen. Diesen Weg werde ich nie wieder gehen, andere Wege warten auf mich, andere Steine im Weg, andere Freuden des Lebens.Schon jetzt lese ich in der Zeitung, dass eine weitere Wirtschaftskrise auf uns zurollt. Aber trifft sie wirklich mich? Oh nein, ich habe sie aus meinem Leben ausgeschlossen, mein Wohl ist unabhängig vom Wirtschaftwachstum, von Schwankungen der Märkte und von den Launen der Politik. Ich habe keine Angst. Während die Reichein wieder mal ein paar Millionen verlieren werden, mache ich mir es auf meinem Balkon schön, eine Blumenpracht wird es werden. Die Turbulenzen der Börse, das Jammern der Automobilindustrie und die sinkenden Exporte gehen mich nichts mehr an. Ein paar reife orangenfarbene Kürbisse, Äpfel, Rosenkol, Feldsalad aus dem Garten sind mir wertvoller als all die Nachrichten, die uns erreichen werden. Nein, ich bin nicht passiv gegenüber der Welt geworden. Ich bin nur zu der Erkenntnis gekommen, dass die meisten Menschen falsch leben. Jeden Tag treffe ich lustlose ausgebrannte Menschen, die sich krank arbeiten, um sich ein Auto, einen Ferseher und ein neues Sofa, die sie nicht brauchen, finanzieren zu können. Sie ändern aber nichts in ihrem Leben. Der Blick auf das Konto ihrer Rentenversicherung lahmt sie. Viele kämpfen mit Worten und keine Taten folgen diesem Geschwätz. Wir lernten, wir müssen wachsen. Nein, schrumpfen sollen wir und somit die Natur schonen. Hier in Norwegen werden die Wälder auch brutal abgeholzt – für unseren Wohlstand, der uns nicht glücklich macht. Einsam macht uns dieser Wohlstand und er langweilt uns zunehmend. Ich habe nach dem Jokobsweg vieles verändert und werde auch jetzt nicht ruhen. Ich werde jetzt nachlegen und noch merkwürdiger und radikaler auf meine Umgebung wirken. Nichts geht weiter wie bis jetzt. Ich bin immer noch nicht am Ziel. Wir sind nie am Ziel.

Etappe 20: Fannrem – Oysanden (32 km)

Eine sehr lange Etappe für mich, da ich mir mit einem Lutefisk den Magen leicht verdorben hatte. Ich bekam leichtes Fieber und fühle mich schwach. Wir schlafen am Strand in einem Tippi. Ich kann überraschend gut schlafen.

Etappe 21: Oysanden – Trondheim (25 km)

Endlich angekommen. Der Weg bis zum Nidaros Dom zieht sich… Wir haben in Trondheim wunderbar sonniges Wetter und können uns endlich ausruhen. Der Olavsweg war kein einfacher Weg, aber wir sind froh, dass wir ihn gemacht haben. Es hat sich gelohnt, etwas neues unbekanntes auszuprobieren.

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