Integration ja, aber wohin? Wege zur „gesellschaftlichen Integrität“


Seit Jahren wird über die Wege zu einer erfolgreichen Integration der Migrantinnen und Migranten in unsere(r) Gesellschaft diskutiert. Das Erlernen der deutschen Sprache stellte man an die Spitze der Integrationspyramide und man klammerte dabei alle anderen Aspekte des Einzelnen aus und man reagierte nicht genügend auf die Veränderungen in der heutigen Gesellschaft. Die Einführung der Integrationskurse, in denen Ärzte neben Wanderarbeitern; Jugendliche neben Frührentner sitzen und in denen schlecht bezahlte Dozenten unterrichten, sind meiner Meinung nach ein trauriger Versuch, bildBlogdie Integration zu verwirklichen. Ich als Migrant und als ehemaliger Dozent in den Integrationskursen erlaube mir zu behaupten, dass diese Maßnahmen gänzlich unproduktiv sind. Die aktuelle gesellschaftliche Situation verlangt eine Neubewertung und Neuausrichtung des Begriffs „Integration“, die nicht nur die deutsche Sprache im Blick hat, sondern auch die ganze Komplexität des menschlichen Zusammenlebens. Genauso muss die Frage gestellt werden, ob nur Sprachkenntnisse und eine Beschäftigung einen glücklichen Menschen ausmachen. Soziale Bindungen, ein erfülltes Familienleben, befriedigende Sexualität, gute Gesundheit, optimistische Einstellung über das Jetzt und das Morgen und Partizipation am kulturellen Leben gehören ebenfalls dazu.

Den Begriff „Integration“ zu benutzen hat nur dann einen Sinn, wenn man auch über eine intakte Gesellschaft sprechen kann. Unsere Gesellschaft zerfällt jedoch in viele kleine Parallelgesellschaften, die in der Realität kaum etwas Gemeinsames besitzen. Die Mittelschicht verarmt; die Oberschicht wird immer reicher und gieriger; die kirchlichen Träger diskriminieren mit ihrer Arbeitspolitik weiterhin eine große Zahl an qualifizierten Menschen, die zwar die nötigen Kompetenzen mitbringen, aber aufgrund der Nichtzugehörigkeit zu einer christlichen Kirche keine Chance auf einen Arbeitsplatz haben. In den Innenstädten unserer Großstädte gibt es zwischen den Bankhäusern und Bürogebäuden kaum die Möglichkeit zu einer Kommunikation; die Peripherien verarmen und die letzten Stadtbezirke mit einer gesunden gesellschaftlichen Struktur fallen zum Opfer den Investoren. Psychische Krankheiten aller Art durchdringen unsere Gesellschaft nur weil die Politik und die Wirtschaft nach mehr Produktivität und mehr Effektivität schreien. Wohin soll man also die Migrantinnen und Migranten integrieren, wenn es nichts gibt, wohin man sie integrieren könnte? Ich glaube, man sollte heutzutage nicht mehr zwischen den Migranten und den Einheimischen unterscheiden, wenn wir diese Debatte weiter führen wollen und vor allem, wenn wir wieder den Weg zu einer intakten Gesellschaft finden wollen. Nur in einer gesunden, ausgewogenen und glücklichen Gesellschaft ist ein Miteinander möglich. Und dieses Miteinander würde die gewünschte „Integrität“ fördern. „Integration“ gehört der Vergangenheit; „gesellschaftliche Integrität“ gehört der Gegenwart.

Deshalb schlage ich folgende, zugegeben neuen Mut verlangende, Veränderungen vor:

  • In den Integrationskursen muss die Obergrenze der Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf 10 beschränkt werden. Die Dozenten müssen ausschließlich als festangestellte Kräfte agieren können und ihre Vergütung muss auf das Niveau der Gymnasiallehrer angepasst werden. Der Staat hat dafür zu sorgen, dass eine Finanzierung bis zu der Stufe B2 und nicht wie jetzt B1 garantiert wird.
  • Eine schelle unbürokratische Anerkennung der Schul- und Bildungsabschlüsse der Migrantinnen und Migranten muss gewährleistet werden.
  • Der Staat hat massiv in alle Bildungseinrichtungen – von Kindertagesstätten bis zu Universitäten zu investieren.
  • Eine sofortige Abschaffung des diskriminierenden dreigliedrigen Schulsystems in Deutschland muss in die Wege geleitet werden. In den neu entstandenen Gemeinschaftsschulen ist die Zahl der Schüler auf 20 zu begrenzen.
  • Verstärkung der humanitären Fächer, des Musik- und Sportunterrichts finde ich wieder ganz wichtig, um die sozialen Stärken der jungen Generation wieder mehr zu fördern.
  • Abschaffung der Leiharbeit und ähnlicher Beschäftigungsformen, die nichts anderes sind als moderne Sklaverei, hat die Priorität, um den gesellschaftlichen Frieden wieder herzustellen.
  • Verbot der Waffenproduktion und des -exportes. Das Verkaufsverbot von Waffen an Privatpersonen muss endlich von der Bundesregierung in der Verfassung verankert werden.
  • Stärkere Besteuerung der Reichen und der Konzerne sollte eine Selbstverständlichkeit werden, um die Bildungsmaßnahmen und Investitionen in Wissenschaft finanzieren zu können.
  • Die diskriminierende Arbeitspolitik der kirchlichen Einrichtungen gilt zu verbieten. Jeder Mensch hat den Anspruch, überall beschäftigt zu werden. Keine oder eine „falsche“ Religionszugehörigkeit darf nicht als Schranke, sondern als eine Bereicherung verstanden werden. Jegliche Integrationsarbeit der kirchlichen Einrichtungen betrachte ich aufgrund ihrer diskriminierenden Klausel als verfehlt. Nur ein offener toleranter Träger kann eine offene und tolerante Gesellschaft mitgestalten.
  • Abschaffung der Zwei-Klassen-Gesellschaft in allen Bereichen des täglichen Lebens würde die Zusammenhörigkeit der Menschen stärken: Gründung einer Bürgerkasse für Gesundheit anstatt die bisherige Zwei-Klassen-Versorgung; Abschaffung der 1. Klasse in den Zügen und Flugzeugen. Auch die Reichen sollten einen Einblick haben, wie die anderen leben, damit sie sich verstärkt für die gesellschaftliche Themen interessieren und auch aus Eigeninteresse eine Verbesserung des Zusammenlebens fördern.
  • Die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens würde die Schikanen und Erniedrigungen der Arbeitslosen und anderen Bedürftigen beenden.
  • Die Verkürzung der Arbeitszeit auf 30 Stunden pro Woche würde nicht nur die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer entlasten und ihrer psychischen und physischen Gesundheit entgegenkommen, sondern auch ihre Effektivität und Produktivität automatisch steigern.bildBlog Diese Maßnahme würde die Massenarbeitslosigkeit, die wir zurzeit haben, senken. (Die Zahlen, die wir jeden Monat präsentiert bekommen, stimmten nicht mit der Realität überein.)

Letztendlich müssen wir alle aufhören zu denken, dass zu unserem Glück nur materielle Dinge gehören. Das Wirtschaftswachstum der letzten zwanzig Jahre brachte uns nicht mehr Glück; es brachte uns nur Stress, Unsicherheit, Depressionen und andere psychische und physische Krankheiten. Noch können wir umkehrten, wenn wir es wollen. Jeder von uns muss aber bei sich beginnen und natürlich brauchen wir eine neue, jüngere Bundesregierung, die den Mut haben wird, unsere Gesellschaft durch viele positive Veränderungen nachhaltig zu formen und einen neuen Weg zu finden. Jeder weiß heutzutage, dass diese Veränderungen bitter nötig sind, wenn wir als westliche, noch in Zügen demokratische Zivilisation nicht scheitern wollen.

 

4 Kommentare

      • Ich denke, dass das Schulsystem so ausgerichtet werden soll, dass sich die Leute entweder für einen handwerklichen oder für einen geistigen Zweig entscheiden können, denn man braucht nicht alles für das spätere Leben, was man jetzt in der Schule lernt.
        Außerdem finde ich eine Verstärkung der Sport- und Musikfächer nicht nötig. Ich stelle mal die Vermutung auf, dass durch den Sport die Teamfähigkeit verstärkt werden soll. Bei den Teamsportarten und -spielen kommt es meiner Erfahrung nach nur zur Bildung von einer Gruppe, die zusammen spielt und die anderen Teammitglieder gar nicht einbezieht und dies ist nun nicht der Sinn von solchen Aktivitäten.

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      • Ja… Schwieriges Thema… Unser Schulsystem selektiert viel zu früh, meine mehr als 20-jährige Erfahrung als Lehrer führte mich zu der Überzeugung, dass die Kinder viel größere Bildungschancen haben, wenn sie zusammen 8 bzw. 9 Jahre bleiben. Sport, Musik und humanitäre Fächer finde ich wichtig; junge Menschen sollten auch leben, gesund bleiben, kulturell entwickelt sein, sonst hilft das ganze Wissen und Fakten nichts. Aber klar, deine Anregung hat mich gefreut! Danke:)

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