Das Herz von Spelunken-Jenny schlägt immer noch links (Hommage à Bertold Brecht)

Würde Brechts Spelunken-Jenny, auch Seeräuber-Jenny genannt, in unseren Zeiten leben und irgendwo in einem düsteren Verwaltungsbüro einer namhaften Firma arbeiten, zögerte sie sicherlich keine Minute lang. Sie würde nicht in die kleine Hafenbar, sondern in die 17. Etage ins Büro ihres Chefs rennen, die Tür aufreißen und in voller Lautstärke sofort mit der Antwort (umformuliert zur Frage und leicht modifiziert) auf die Frage „Denn wovon lebt der Mensch?“ beginnen: „Na, mein Lieber, kommt zuerst das Fressen und erst dann die Moral?“. Im Mund hätte sie natürlich eine Zigarette, obwohl sie schon seit längerer Zeit nicht mehr rauchte. Die leicht erschrockene, aber innerlich erfreute Chefsekretärin würde für sich flüstern: „Uuh, auf einen solchen Auftritt von Spelunken-Jenny warte ich schon seit Jahren“. (Jenny atmet währenddessen ihren Zigarettenrauch direkt ins Gesicht von ihrem Chef.) Die somit ermutigte Sekretärin würde aufstehen und die Antwort auf Spelunken-Jennys Frage lauthals verkünden: „Denn wovon lebt der Mensch?: Indem er stündlich den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst. Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist“. Die beiden würden nicht die Reaktion des gar nicht überraschten Chefs abwarten, aber bevor sie das Büro verlassen würden, hackten sie alles, was sich darin befand, klein. Und dann würden die beiden nun verbündeten Damen auf die Straße treten und in jene verrufene Hafenspelunke gehen. Dort würden sie all jene treffen, die das aktuell herrschende System ablehnen und sich diesem aktiv widersetzen. Alle gemeinsam würden sie überlegen, wie sie die vielen Jennys und Johnys ermutigen, dieses in sich zusammenfallende System von Grund auf zu erneuern. Sie wüssten jedoch, dass dies aufgrund der Angst und aufgrund der Verteidigung der eigenen Sicherheits- und Komfortzone von vielen Menschen sehr schwierig wird. Und obwohl die beiden Damen das Chefbüro zertrümmerten, würden sie selbstverständlich für einen friedlichen Wandel plädieren. Sie würden das auch alles schaffen. Es würde eine neue friedliche Gesellschaft entstehen, in der die Moral vor dem Fressen steht. Und die Ideen von Brecht gerieten in Vergessenheit, weil man sie nicht mehr brauchen würde.

bildBlog

Ich bedanke mich für das Titelbild bei der jungen Künstlerin Shima Sadeghi Ghasami, Bielefeld

 

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