So schwierig war das gar nicht!

„Denken, sei eine Art Probehandeln, ein Handeln also, dass die Welt noch nicht verändert, aber die Veränderung vorbereitet.“ (S. Freud)

Als ich heute aufwachte, war ich kein Kafka-Käfer, sondern ein glücklicher Mensch. Mein Glück steigerte sich ins Unermessliche, als ich die Zeitung aufschlug. Auf der Titelseite stand groß geschrieben, dass sich mein Land entschieden hatte, das Bruttosozialprodukt abzuschaffen und dafür das Bruttoglücksprodukt einzuführen. Der Staat merkte ganz allein, dass das ständige Wachstum alle überforderte und die Fokussierung darauf das System zum Platzen bringen würde. Die Menschen waren in diesem System des materiellen Unsinns immer ängstlicher und immer schwächer geworden. Die gut Verdienenden unter uns, die schon längst ihre Rente berechnet hatten, verbrachten alle ihre Nächte mit Grübeln, schlaflos und wachten abgekämpft auf, um sich aufs Neue ihrem grauen Alltag zu stellen. Das war ihre Strafe dafür, weil sie nicht bereit waren, den Rost, der sich in ihrem Leben angesammelt hatte, durch auch nur minimale Veränderungen zu entfernen.
Nun, jetzt leben wir in einem Land, in dem das Glück der Menschen zur Priorität erklärt wurde. Der Staat und der Mensch haben es geschafft. Man regelte alles neu. Man traf mutige Entscheidungen. Und was am meisten überrascht, die Menschen zogen mit. Sie wachten aus ihrer Lethargie und ihrer Apathie auf; sie schlugen einmal fest mit ihren Fäusten auf ihre mit Sagrotan desinfizierten Tische und sagten zu sich lautstark: „Jetzt ist genug. Ich kann nicht so weiter leben wie bis jetzt. Ich weiß doch ganz genau, dass wenn ich so weiter mache wie bis jetzt, führt es zu meiner Vernichtung. Ich ändere ab sofort mein Leben – auch wenn es mich ein wenig Überwindung kosten sollte. Auch ich werde mich daran beteiligen, eine andere Welt – eine Welt, in der alle Menschen glücklich sind, zu formen.“
Und plötzlich ging alles ganz schnell. Die Luft wurde sauberer, weil die Menschen keine Ausreden mehr hatten, ohne Auto einzukaufen. Es war so schön, einfach loszulaufen, ohne dem ständigen Lärm und Gestank ausgeliefert zu sein. Die Gartencenter waren überfüllt, weil jeder ein neues Bäumchen kaufen und pflanzen wollte. Man hatte plötzlich viel Platz, nachdem die Bagger die vielen unnötig breiten Straßen aufgerissen hatten. Danach suchten sie den kleinen Bauer aus der Nachbarschaft auf, weil sie sich und ihrer Familie etwas Gutes tun wollten und kauften bei ihm frisches Obst und Gemüse. Sie saßen dann draußen auf den Bänken und erfreuten sich an dem neuen Grün und machten sich plötzlich keine Sorgen über die Gesundheit ihrer Kinder und Enkelkinder. In einem Land, das die Veränderungen wagte, würden sie ohne Stress und ohne etwaige Psychosen aufwachsen.
Währenddessen war auch der Staat fleißig und setzte weitreichende Arbeitsmarktreformen durch. Er orientierte sich dabei am Wohl der Menschen und nicht an der überspitzten Effektivität der Wirtschaft. Er schuf solche Rahmenbedingungen, die geradezu die Menschen dazu einluden, mit Freude zu arbeiten. Diese unglaubliche Freude schlug sich sofort auf die Gesundheit der Menschen nieder und steigerte sogar die Arbeitsproduktivität. Die erneuerbaren Energien förderte man mit großem Eifer und nur nach fünf Monaten konnte man verkünden, dass man für die Energieversorgung keine Kohle und kein Atom braucht. Selbstverständlich unterstützten nun auch die Menschen ihren Staat und überlegten sich ganz genau, wo man Energie einsparen kann.
Die Meere rettete man vor dem Umkippen, den Regenwald vor Rodung, die Tiere vor dem Aussterben, das Grundwasser vor Verschmutzung durch dreckige Industrie- und Landwirtschaft, die Kultur vor ihrem Niedergang. Die Gletscher begannen zu wachsen und die Tornados wurden schwächer. Die Drogen und andere Aufputschmittel brauchte man nicht mehr und die Zäune wurden niedergerissen. Das Glück mehrte sich und mit ihm neue Ideen. Man arbeitete eifrig weiter und beseitigte die letzten Schranken, die das Glück verhinderten. Man fühlte sich nun als Teil des Ganzen und nicht als ein Monster, das nur an sein eigenes Wohlbefinden denkt. Die Menschen wussten jetzt, dass ihnen ihr eigenes Glück nicht viel bringt, wenn um sie herum Elend und Verzweiflung grassieren.
Ich bin sehr glücklich, dass ich es erlebt habe. Es erfüllt mich sehr, dass ich dazu beitrug, dass unser Land das Bruttoglücksprodukt einführte. Ich lache mehr und ich schlafe besser. Ich bin sorglos und ich bin voll von Energie. Ich kann mich schnell von kleinen Dingen begeistern lassen und ich genieße mehr das Leben. Es ist etwas Wunderbares, in einem Land leben zu können, in dem das Glück eines Menschen die höchste Priorität hat. In einem Land zu leben, das den Frieden fördert, das das vorlebt, wovon wir alle lange Zeit geträumt hatten, ist das höchste Glück. Ich muss jetzt schmunzeln und denke: „Schaut mal, so schwierig war das gar nicht.“

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