Wir


Wir sind moralischer Abschaum – schmutzig, klebrig und hinterfurzig. Wir fließen langsam in sich zusammen, wir fließen – alles verdreckt hinterlassend – auseinander. Aber sobald plötzlich im Supermarkt eine zweite Kasse aufmacht, gewinnen wir an Fahrt und stürzen uns – alles umrammend – auf diese zu. Der schnellere, der fähigere und der sozial und moralisch niederträchtigste gewinnt. Er darf zuerst zahlen.
Wir stehen rein zufällig genau an der Stelle, wo die Tür der angekommenen Straßenbahn ist. Während sich die Tür öffnet, blasen wir unsere Schultern auf, damit wir als erster rein dürfen. Wir gönnen niemandem nichts. Und nach einem erfolgreichen „Türkampf“ entschleunigen wir plötzlich unseren Gang und tun so, als ob wir rein zufällig diesen Kampf gewonnen hätten und gehen für alle sichtbar ganz gelassen zu einem freien Sitz.
Wir beuten unsere Mitarbeiter das ganze Jahr aus und dann laden wir sie zu einem Weihnachtsessen ein. Am Tisch sitzend strahlen wir. Wir täuschen das Glück vor und senden das Signal: „Wie schön, dass wir hier alle zusammen sind“ (Dabei kann der eine den anderen nicht ausstehen.)
In der Vergangenheit haben wir ganze Völker versklavt, dezimiert und ausgerottet. (Wenn wundert es?!) Wir haben die Sklaverei abgeschafft. (Wir wurden gezwungen, sie abzuschaffen.) Wir haben unsere Kolonien aufgegeben. (Wir haben sie verloren.) Dieser Mensch, der sich fast die Beine bricht, um an der zweiten Kasse und in der Bahn als erster zu sein und der bei einem Weihnachtsessen seiner Firma so dämlich sein Glück vortäuscht, kolonialisierte nach seinem Verlust der Kolonien weiter; er versklavte nach dem Ende der Sklaverei unermüdlich weiter und rottete nach der Ausrottung vieler Völker unermüdlich weiter noch die verbliebenen Völker aus. Und er schuf das heutige System, das die Umwelt zerstört. Wir töten die Tiere, dezimieren die Pflanzen, verpesten die fruchtbare Erde und die Luft. (Nicht mal in Stuttgart lässt einer sein Auto zu Hause, obwohl man die Luft in der eigenen Stadt nicht mehr atmen kann und die eigenen Kinder vielleicht ganz bald erkranken werden.) Wir schufen ein System, das in die ganze Welt Waffen liefert. Wir steigern unseren Lebensstandard mit Geld, das uns diese Waffen bringen und bewahren somit unsere schmutzigen Arbeitsplätze. (Wir werfen gleichzeitig mit den Wörtern Solidarität, Frieden, Völkerverständigung, Demokratieaufbau um uns.) Wir hängen an einem System, das die armen Länder ausplündert und zahlen als Entschädigung viel zu wenig Entwicklungshilfe. (Diese Entwicklungshilfe zahlen wir nur, weil wir wollen, dass unsere Produkte neue Abnehmer finden und um uns in der Welt als Moralapostel zu präsentieren.)
Wir kreierten ein System, das unsere Agrarindustrie subventioniert und somit Millionen von Kleinbauern in den Ruin treibt. Wir genießen ein System, das Landgrabbing betreibt, während wir über unsere tolle Hilfe für Kleinbauern sprechen und unsere Entwicklungsprojekte bis in den Himmel erheben. Wir ekeln uns überhaupt nicht vor einem System, das die Küstengewässer der Armen leer fischt und sagen dann noch, ohne uns zu schämen: „Fisch ist gesund.“ (Obwohl wir Tonnen von Süßigkeiten und mit Chemie vollgepumpte Fertigprodukte verzehren.) Wir geben nie freiwillig dieses System auf, das den Armen den „Freihandel“ aufzwingt, wissend, dass dieser sie noch mehr in die Abhängigkeit treibt. Wir gehen eines Tages an diesem System zugrunde, das die Flüchtlinge in den Lagern hungern und frieren lässt.
Wir haben die moralische Legitimation für dieses System längst verloren und die politische Legitimation können wir nur mit unseren Waffen verteidigen. (Wir kennen die Lösung für den Aufstieg unseres moralischen Verfalls, aber wir wagen es nicht, diese in Angriff zu nehmen, weil wir eben moralisch so devastiert sind, dass es kein Zurück mehr gibt – zumindest nicht aus eigener Kraft.)

Ich bedanke mich für Anregungen zu diesem Text bei Oskar Lafontaine.

6 Kommentare

  1. Mir geht es so wie hannah. Habe mich auch schon im Startblock in der Kassenschlange kurz vor dem Startschuss auf die neu zu öffnende Kasse entdeckt und ich kennen einen, der immer genau ausrechnet, wo die Tür der einfahrenden Straßenbahn landet.

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  2. Wir sind die, die das Prinzip „Leben“ nicht verstanden haben und uns deshalb darüber stellen wollen.
    Wir sind die, die vergessen haben was Ruhe und Besinnung bedeutet.
    Wir sind die, die wegen dem Streben nach immer mehr so viele hinter sich lassen ohne zurückzuschauen.
    Wir sind die, die zu blind sind, um zu erkennen wieviel Gutes bereits um uns ist.
    Wir sind die, die auf dem Totenbett genau das beklagen.

    Wir sind die, die das aber noch ändern können !!!

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