Die Kindheit schlägt zu

Unsere Kindheit und mit ihr verbundene Erinnerungen sind immer da. Die Jahre, die wir als Kinder durchlebt haben, sind nicht mehr auszulöschen. Sie schlummern unter der Haut; sie mögen vielleicht wie betäubt schlafwandeln, sich leise und im Unbewussten zu recken oder als besiegt und aufgeklärt erscheinen. Der entscheidende Punkt jedoch ist der, in welchem Moment sie zuschlagen. Sie schlagen nämlich auf jeden Fall zu. Sie erwischen uns unvorbereitet; vielleicht etwas müde, oder auch auf dem Höhepunkt unserer Kräfte.

Er ist ein GROSSER Mann geworden, obwohl er kaum Hoffnung hatte, etwas in seinem Leben erreichen zu können.
Seine Eltern, zwei einfache Leute, wurden in der Kleinstadt Anqing in Südchina geboren. Sie hatten kaum etwas; nur diesen einen Sohn, der für sie das Wichtigste war. Sie schufteten jeden Tag für seine Zukunft. Sie kauften billige Tickets für Stehplätze auf dem Schiff und fuhren im Stehen zwei Tage und zwei Nächte nach Shanghai, um dort im Hafen Kleidung einzukaufen. Diese verkauften sie dann mit einem kleinen Gewinn in ihrer Heimatstadt. Ihr Sohn verbrachte in seiner Kindheit oft viele Tage ganz allein; nicht ahnend, dass diese Stunden der Einsamkeit irgendwann mit voller Wucht zuschlagen werden. Sie schlugen zu. In dem Moment, als er in Deutschland seine ersten musikalischen Erfolge feierte, saß er nach seinen Konzerten einsam in kalten unpersönlichen Hotelzimmern, die einem Musiker, einem großen Künstler nichts anzubieten hatten; außer einer schlechten Minibar. Nun war er allein; wieder einsam mit seinem Saxophon. Er sah plötzlich ganz deutlich die schäbigen ärmlichen Hausfassaden seiner Kleinstadt. Er durchlebte wieder die unzähligen Stunden seiner Einsamkeit von einst. Er verlor plötzlich sein Gleichgewicht und mit ihm seine Kunst. Erst jetzt, als erwachsener Mann, durchlitt er diese Einsamkeit seiner Vergangenheit in gefährlicher alle Sinne ergreifender Intensität. Sein gestärktes Bewusstsein bereitete ihm Qualen, deren Herr er nicht mehr wurde.
Und wenn ihr wollt, überstand er diese innere Krise. Wenn ihr aber Tragödien mögt, sprang er eines Tages aus seinem Hotelzimmer und zerschellte auf dem grauen Asphalt.
Unsere Kindheit ist tief in uns, sie bleibt in uns. Die Frage ist nur, wann sie zuschlägt.

Diese Geschichte hat alles, was eine Geschichte braucht. Eine dramatische Vorwarnung, einen Aufstieg mit gewisser Euphorie, einen Aufprall oder eine überstandene Krise mit Happy End. Was diese Geschichte nicht hat, ist eine Lösung. Was macht man, wenn unsere Kindheit plötzlich mit voller Wucht zuschlägt?

Ein Kommentar

  1. ..alle gefühle durchleben die da hochkommen und wissen das alles dem Zweck diente gewisse Erfahrungen zu machen so widerlich es sich auch anhören mag, so ist es… Seltsamm sind auch Erinnerungen von denen mal nicht mal weiß ob sie wahr sind oder nicht mit unter 5 Jahren, wenn sich für mich heraustellen soltte das diese eine Erinnerung die ich habe real ist dann hab ich da noch was großes was hoch kommt.. Aber sonst wäre sie wahrscheinlich nicht da und viele meiner Ängste würden sich damit erklären lassen.. Mal sehen
    In Liebe Kathi 🙂 :*

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