Ein europäischer Zigarettenstummel

Ich sah einen jungen Mann, auf dem Boden sitzend; schmutzig, zerlumpt und mit Müdigkeit in den Augen. Er bewegte sich nicht; vielleicht fror er auch. Das Frieren kannte er aber all zu gut, und deshalb bewegte er sich nicht. Er war in seiner Starre nicht fähig, sich zu bewegen. Er würde noch lange auf diesem Boden sitzen bleiben, dachte ich.

Ein feiner Herr im Anzug drückte plötzlich eine Zigarette aus. Da sprang der junge Mann auf; seine starre Müdigkeit verflog und er griff nach dem Zigarettenstummel. Er zündete ihn an; zog daran mit leuchtenden Augen. Das Glück nahm jedoch rasch Abschied und er sank erneut in seine Welt; in eine Welt ohne Bewegung, ohne Wärme – in eine absolute Anwesenheit. Gedemütigt. Ausgegrenzt. Hoffnungslos. Und dachte: „Ich will auch brexitten. Er hat längst gebrexit. Wir haben ihn ausgebrexit. Abgestoßen.

Ein anderer Mann, auf der Straße laufend, greift nach einem ebenso brennenden, jedoch schon ziemlich ausgebrannten Stummel. Er zieht ein einziges Mal daran und hofft auf ein Referendum in seinem Land. Er läuft noch, aber bald werden ihn die Kräfte verlassen. Glänzende Fassaden der Banken, vor denen noch ein paar weggeworfene Zigaretten liegen, sind seine Hoffnung und sein Revier.

In Köln greifen schon Tag für Tag so viele Menschen nach Resten des Wohlstands. In Marseille wühlen ganz viele nach alten Brotresten. In Madrid verlieren viele ihre Wohnungen und in Athen ist die Zukunft nur ein archaisches Wort.

Und die, die noch lachen können, sind blind. Die, die noch laufen können, besitzen keine Kraft mehr, etwas zu ändern. Die Kirche ist müde; der Staat ideenlos; willenlos; verdreckt und verfangen im Sumpf.

1993 Nitra/Tschechoslowakei. Ich liege auf dem Bett. Ich lese „Ein Tag im Leben von Iwan Denissowitsch“ von Alexander Solschenizyn. Ich kann es nicht glauben, dass es sowas mal gab, oder gibt, oder geben wird: Ein Mann steht am Bahnhof. Er friert. Er ist stumm. Sein Wille ist abgestumpft und doch voller Kraft. Dann fährt ein Zug ein. Ein feiner Herr wirft seine noch nicht ganz gerauchte Zigarette auf den Boden. Der frierende Mann springt wortwörtlich auf. Er greift nach der Zigarette und ist für ein paar Momente glücklich.

Kommt zu uns; kommt nach Europa. Wir sind gerade dabei, diesen Roman live aufzuführen. In unseren Straßen ist dieser Roman lebendig; er ist gegenwärtig. Die Schauspieler sind wir.

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