Die Margeriten sind weg

Noch bevor ich meine Stadt erblicke, bitte ich den Busfahrer, anzuhalten und steige aus. (Ich weiß genau, wo diese Stelle ist. Die Berge, die meine Stadt umkreisen, steigen plötzlich am Horizont empor.) Ich will zu Fuß weiter. Ich laufe en einer Statue vorbei, über die ich in der sechsten Klasse einen Aufsatz schreiben musste. Diese stolze Frau, eine Heldin, in der Hand eine Siegesfahne haltend, begrüßt mich. Welche Siege? Welcher Stolz? Die Erinnerungen an meine militante Schule, die aus mir einen richtigen Mann machen wollte, erlahmen meine Beine. (Das Ergebnis weit verfehlt!) Ich laufe auf einem kleinem Pfad und vor mir rauscht die Stadt. Ich fühle nur immense Traurigkeit. Ich sehe überall nur Zeichen jener Schieberklasse, die alles haben will, die alles kauft und verkauft. Großflächige Reklamen erschlagen mich. Das Mercedes-Zeichen dreht sich und mit ihm mein Kopf. Die stille friedliche Landschaft ist weg. Es blieb nur ein Bild ohne Charisma. Die Menschen, die einst Margeriten pflückten, sitzen in ihren Autos, finanziert mit teuren Krediten. Die Margeriten sind weg. Ausgerottet, zubetoniert, erstickt und überfahren. Man sieht aber doch ein paar Menschen – angezogen in billigen Trainingsanzügen, eine alte Plastiktüte aus Lidl oder Billa in der Hand; sie müssen weiter, nach Hause, in ihre Blechhütten am Wald.
Schon jetzt weiß ich, dass alles, was mich früher glücklich machte, existiert nicht mehr. Überstrichen wie ein Potemkinsches Dorf, ausradiert, dem Profit freigegeben. Kalt und leblos. Glänzend ohne Licht. Nirgends in Europa fühle ich mich einsamer als in meiner alten Heimat.

„Ein Mann kommt nach Deutschland.
Er war lange weg, der Mann. Sehr lange. Vielleicht zu lange. Und er kommt ganz anders wieder, als er wegging. Äußerlich ist er ein naher Verwandter jener Gebilde, die auf den Feldern stehen, um die Vögel (und abends machmal auch die Menschen) zu erschrecken. Innerlich – auch. Er hat tausend Tage draußen in der Kälte gewartet. Und als Eintrittsgeld musste er mit seiner Kniescheibe bezahlen. Und nachdem er nun tausend Nächte draußen in der Kälte gewartet hat, kommt er endlich doch noch nach Hause.
Ein Mann kommt nach Deutschland“(Draußen vor der Tür, W. Borchert)

Ich sehe mein Haus, das nicht mehr mein Haus ist. Ich betrete die Wohnung, in der mich kein einziger Gegenstand an etwas erinnert. Ich passe mich der Durchschnittlichkeit und der Oberflächlichkeit an. Ich konsumiere, kaufe und verkaufe alles, was geht. Ich bin nicht ich. Ich bin weit von meinen Träumen entfernt. Ein Verräter meiner Träume. Zerlumpt. Leer. Ich stehe in der Kälte, obwohl alle Türe offen sind. Ich komme ganz anders wieder, als ich wegging.

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