Die Schritte meiner Eltern

Ich will nur noch nach Hause. Ich will nach Deutschland. Neun Tage suchte ich an der Donau und am Hron nach Resten meiner Vergangenheit. Ich suchte nach der Versöhnung mit der Heimat meiner Kindheit und meiner Schul- und Studienjahre. Ich näherte mich langsam; ich tastete alles behutsam ab, um diese Scherben der vergangenen Existenz nicht durcheinander zu wirbeln. Seit Jahren suche ich nach dieser Versöhnung und ich finde sie nicht. Alles weg – alles so unbeschreiblich anders. Ein anderer Sprachtonfall, andere Werte, andere Lebensentwürfe. Ich suchte nach und in meinen Eltern. Jeder Schritt bereitet ihnen Schmerzen. Mir tut es auch weh. Diese Schritte sind langsam, schmerzend – so anders als früher. Und sie entfernen sich von mir – langsam, aber immer weiter. Ich habe Angst – große Angst sie zu verlieren. Ich hätte nie weg gehen sollen. Dann hätte ich vielleicht gar nicht gemerkt, dass ihre Schritte so langsam und schmerzhaft geworden sind.

Flughafen Wien. Gewitter. Ich will nach Hause. Jeder Schritt tut weh. Ich muss es aber zum Check-in-Schalter und zu meinem Gate schaffen. Ich muss wieder in mein neues Leben zurück. Ich darf mich von dem Anblick meiner Berge an der slowakischen Seite der Donau nicht fesseln lassen. Ich bin hier ein Fremder. Ich darf an nichts denken. Ich wusste es nicht, dass diese zwei Welten in mir sich irgendwann bekämpfen werden. Ich wusste es nicht, dass die Schritte meiner Eltern uns allen weh tun werden.

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