Weltlos auf Gran Canaria

Gran Canaria. Autoloser und ARDloser Küstenabschnitt.
Ich fliege gerne auf die Kanaren – am besten zwei Mal pro Jahr. (Dabei riskiere ich natürlich als Umweltsau beschimpft zu werden, da meine Flugbilanz durch meine Kanareneskapaden selbstverständlich mehr als ernüchternd ausfällt.) Als ich noch dachte, dass ich meinen Urlaub auf Gran Canaria, Lanzarote und Fuerteventura verbringe, um im Januar dem deutschen grauen Winter zu entfliehen und im Sommer, um auch den Atlantik genießen zu können; und im Winter und Sommer gleichermaßen vor meinem Arbeitsleben zu flüchten – alles untermalt oder ausgeschmückt (manche nennen es auch besudelt) mit gewissem freiem kanarischem Ausleben von Sexualität (Jetzt kommt der Hauptsatz.), suchte ich noch nach Alternativen in der Nähe und versuchte mein Glück auf Korfu oder Mallorca. (Auch im Schwarzwald bin ich öfter auf der Suche nach lebendiger Natur und Heilwasser der Schwarzwaldquellen unterwegs.)
Ich fliehe jedoch gar nicht vor meiner Arbeit, ich verstecke mich nicht vor dem Winter und ich fliege auf die Kanaren nicht, weil sie gewisse Einzigartigkeit hätten. (Diese besitzen sie in den Zeiten der kulturellen Verflachung nur partiell.)
Ich fliehe vor dem ARD und dem ZDF. Ich fliehe vor den blöden roten Verkaufskästen der Bildzeitung. Ich ertrage nicht die moralische Krise, die wir Wirtschaftskrise nennen. Mein Gehirn wird jeden Tag von Nachrichten über Bomben, Sprengsätze, Gewalt und Hass bombardiert, wonach leere Mitleidsbekundungen von farblosen Politikern folgen. Ich fliehe vor Ideenlosigkeit, vor „weiter wie bis jetzt“. (Nein, ich bin nicht feige, ich verstecke mich nicht. Ich muss nur ab und an Luft holen, um nach meiner Rückkehr mit voller Kraft eine andere zukunftsfähige Welt zu gestalten.)
Jetzt weiß ich, warum ich auf Gran Canaria bin, warum ich in den letzen Jahren quer über Lanzarote und Fuerteventura wanderte. Es ist wegen ihrer geographischen Lage – abseits, im Atlantik, weit weg von der, wie wir so oft meinen, zivilisierten Welt. Das endlose Wasser zwischen diesen zwei Welten beschützt mich. Ich bin auf einer Insel und lebe die Iselmentalität aus, die ich sonst kritisiere. Ich brauche sie aber; ich brauchte sie immer schon; die vielen Fluchten vor dem Alltag und der Realität.
Es ist heiß und in den Dünen von Playa del Inglés noch heißer. Es gibt aber keinen Trump, keine Merkel (Sie wandert Gott sei Dank in Österreich.), keinen Putin und Erdogan. Es gibt nur Leute wie ich, die etwas suchen: Sonne, Sex, Drogen, einsame Wanderwege, heiße Sommerabende, kurzweilige Sorglosigkeit und andere Lebensimpulse. Ich bin auf einer Insel und es könnte noch mehr Wasser zwischen meinen zwei Welten liegen – zumindest jetzt.

„Doch genau in dieser kritischen Situation hat die Gesellschaft – mehr oder weniger – eine Art Schockstarre befallen. Die Kette von Hiobsbotschaften, Horrormeldungen und Katastrophenbildern, die uns gegenwärtig rund um die Uhr multimedial kommuniziert werden, tun uns nicht gut. Die Schockwellen lassen sich kaum noch abfangen. Die Anspannung nimmt zu. Die Vigilanz, die permanente Wachsamkeit und das Scannen der Wirklichkeit nach allen möglichen Bedrohungen, verengt sich zum Tunnelblick. Die Wahrnehmung fokussiert sich auf die Probleme, ja oft sogar auf ein einziges Problem, das völlig unverhältnismäßig zu seiner tatsächlichen Bedeutet ins Rampenlicht gerückt wird. Es türmt sich auf. Die Hütte brennt. Die Nerven liegen blank. Es gibt scheinbar kein Entrinnen. Es gibt keine Alternative. Erstarrung und Lehmung führen zur Resignation und Rückzug oder zu Hass und Gewaltbereitschaft. Man fühlt sich machtlos und hilflos. (…) No future.“(?) (Ulrich Grober: Der leise Atem der Zukunft)

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