Eine Wanderung in ein anderes Leben

Wir genießen nun ein letztes Glas Rosé mit Eis, bevor wir morgen in der Frühe in die Berge von Gran Canaria aufbrechen. Dort, in der heißen und fast glühenden Augustlandschaft werden wir vielleicht doch diesem kalten Wein nachtrauern. Oder auch nicht, weil eine schöne Wanderung Lust auf ein Leben macht, das weit ausgreift. (Vgl. U.Grober: Der leise Atem der Zukunft)

Durch Wandern kann man die verbrauchten mentalen und psychischen Ressourcen wieder zurückgewinnen. Man ist nicht mehr gebunden, man geht in das spannende Ungewisse. Man ist verschwitzt und verstaubt, aber durch diesen Schweiß und den Staub dringt eine Fülle an Leben, an neuen – nie da gewesenen Erlebnissen und schließlich eine immense Kraft an Mut zum Glücklichsein.

„Den Hafen verlassen, den sicheren Ort, die Ordnung, die einengt, weil RICHTIG und FALSCH immer schon vorgegeben sind. Seinen Ursprung, seine Identität hinter sich lassen und – wieder die doppelte Bewegung der Gelassenheit – aufbrechen. In die Wildnis, dorthin, wo die Gesetze und die Haushaltung der Natur noch herrschen, einen halten und tragen.“ (Björk in U.Grober: Der leise Atem der Zukunft, S. 180.)

Übrigens tragen. Man wird getragen, aber man muss auch Einiges tragen. Diesmal nehme ich wenig mit, da ich im Laufe der Jahre genügsamer geworden bin. Ich habe für mich entdeckt, dass man zum Leben nicht viel braucht. Die Dinge versperren dem Menschen seine Lebenswege. Und die Gefühle eines Menschen werden durch viele unnötige Gegenstände klein, farblos und verdorrt. Ich will aber, dass mein Leben weit ausgreift!

„Wanderlust – unstillbares Verlangen, unaufhaltsame Sehnsucht. Du musst Schicht um Schicht abstreifen, von dem, was dich konditioniert, bis du an den Kern kommst, an deine Essenz, an das, was dich ausmacht, deine höchsten Werte, deine Seele.“ (Björk, ebd. S. 181.)

Der gierige Mensch der spätkapitalistischen Gesellschaft, der auf der Jagd ist, auch die letzten noch verbliebenen Ressourcen an sich zu reißen, sollte vielleicht wie früher zwei drei Jahre wandern gehen und dabei die Menschlichkeit lernen und vor allem lernen, mit der Natur vernünftig zu wirtschaften. Ja, du gieriger Mensch, du hinterlässt Leichen auf deinem Weg deiner gefühllosen Existenz. Diese deine so schäbige Existenz macht dich zum Verbrecher. Deine Angst, deinen Lebensstandard nicht mehr halten zu können, macht dich noch gieriger und noch einsamer. Weißt du, deine Gedanken an Geld, rauben dir den Schlaf. Du ahnst, im Unbewussten, dass du genug hast, weil die anderen wenig haben. Du machst aber weiter so wie bis jetzt. Du lebst weiter – verfangen in deinem Elend. Geh wandern und lass dich endlich auf das Leben ein – existiert hast du schon viele Jahre.

„Die Lust am Komfort, die Abhängigkeit davon, erstickt dir die Seele. Die Komfortzone verlassen, unentwegt in Bewegung bleiben, Rastlosigkeit – das ist der Weg, sich davon zu befreien. Wo immer das Unbekannte mich umgibt, da fühle ich mich zu Hause. Die Essenz von Wanderlust: das Unbekannte nicht als Bedrohung wahrnehmen, sondern als Faszinosum, ja sich davon umarmen lassen.“ (Ebd. S. 182.)

Noch ein Glas Rosé auf unsere Wanderung quer durch die Insel. Wir freuen uns auf die abgeschiedenen Unterkünfte zwischen den Bergen. Wir freuen uns auf das Leben – auf die Freiheit, die wir finden werden.

3 Kommentare

  1. Hallo Martin, habe mir gestern beim Wandern eine Gipsschiene verpassen lassen. Wünsche Euch mehr Glück dabei. Es ist nur das linke Handgelenk. Gruss Evi

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