Eine schwierige Rückkehr nach Europa

Heute, zwei Tage vor unserem Abflug aus Gran Canaria, überfiel uns beide eine derartige Traurigkeit, dass wir den Tag am Strand nicht richtig genießen konnten.

Nur dieses Mal einfach länger bleiben – dachte ich ganz kurz und wusste sofort, dass es möglich ist. Den Augenblick der geographischen und vor allem mentalen Rückkehr nach Europa zu verzögern, wurde plötzlich zu meinem festen Entschluss. (Wer mich kennt, weiß, was folgte…) Ich weiß, dass es nichts löst, aber es gibt mir die Möglichkeit, ein paar Träume, die ich hier hatte, zu verarbeiten. Vor zwei Tagen träumte ich, dass ich mit einer Freundin in Deutschland spazieren gehe und plötzlich erklingt durch die in den Straßen montierten Lautsprecher folgende Durchsage: „Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass soeben ein atomarer Krieg angefangen hat. Fünf Atomraketen sind im Ruhrgebiet eingeschlagen.“ Ich träumte dann nur noch, dass das Licht sich veränderte, dass ich eine Traurigkeit verspürte und ich verfiel in ein Meer von Leere. Ja, irgendwann schlägt die Kindheit zu. 1983/84: Ich halte mir als zehnjähriges Kind jedes Mal die Ohren zu, wenn sowjetische Jets ihre Übungsflüge ausführen. Ich habe Angst. Ich glaube nicht an die rettende Kraft der Sowjets. Das Wort Pershing ist stärker. Gegen diese Raketen kann man doch nichts machen. Sie werden uns töten. So lebe ich als Kind, genauso träume ich als Erwachsener auf Gran Canaria.

Auch am Samstag will ich nicht weg. (Ja, wir haben spontan um fünf Tage diesen Urlaub verlängert, wir haben die Rückkehr in die Realität verschoben.) Ich will hier bleiben. Ich will nicht zurück in ein Europa, das sich nur durch Euro und Wirtschaft definiert, das sein Projekt verraten hat – im Namen des Wachstums, das individuelle und kollektive Erschöpfungsformen aller Art produziert. Die Erosion der Werte greift um sich herum.

Ich werde immer trauriger, was nicht weit vom Zynismus entfernt ist. Theoretisch beherrsche ich alles wunderbar. Ich weiß, wie man ein glückliches Leben führt, ich weiß, dass das Glück und das Gleichgewicht im Kopf stattfinden. Aber ich kann es nicht verwirklichen. Wenn ich die Tagesschau-App öffne, lese ich über Bomben, Waffen, Konflikte – oder, zur Abwechslung, über Geld, Gewinne, Verluste, Prozente. Ach ja, und penibel werde ich jeden Tag darüber informiert, ob der Erdölpreis um 30 oder 70 Cent gestiegen oder gesunken ist. (F… das Erdöl!) Und noch etwas habe ich vergessen, man wird auch über den Tod verschiedener Künstler informiert. Wenn sie leben, sind sie es nicht wert, dass man Texte über sie verfasst. Erst, wenn sie tot sind. Man wird über den Tod der Künstler und Denker informiert – über den Tod der Kunst und des freien Denkens.

Ich will in ein anderes Europa zurückkehren. In ein Europa, in dem der Mensch wichtiger als das Kapital ist, in dem die Gewinne an Lebensqualität mehr zählen als Gewinne an den Börsen. Ich will in ein Europa zurück, in dem man Menschenleben rettet, nicht weil es finanzielle Vorteile für die Wirtschaft bringt, sondern weil es Menschen sind. Ich will ein neues Europa, das sich neu erfindet, das sich auf seine Gründungswerte wieder besinnt, das mutig ist, das Glück zu mehren, die Waffen zu vernichten und keine neuen zu produzieren. Es ist alles nicht so schwierig.

Am Samstag fliegen wir zurück. Ich will nicht fliegen. Ich werde traurig sein. Es wird eine schwierige Rückkehr nach Europa. Ich werde jedoch fliegen, damit ich meine Vorstellung von Europa zumindest stückweise in meinem kleinen Umfeld verwirkliche.

Ein Kommentar

  1. ich bin hier eher versehentlich gelandet. vielleicht soll es auch so sein, denn ich schreibe eher selten kommentare… nun ja, was ich gerade meine dass ich dir sagen könnte: sei du selbst die veränderung, die du dir wünschst für diese welt! egal wo du bist, lass dein licht strahlen. ein einzelner in sich ruhender mensch bringt der welt viel mehr als hunderte, die herumlaufen und versuchen, andere zu bekehren. wir werden immer mehr und bald ist alles gut 🙂 und vielleicht könntest du anastasia (von wladimir megre) lesen, die dame aus der taiga. bringt klarheit, halt, perspektive und hoffnung. gibt es sogar online kostenlos zu lesen als pdf. achso, und idealerweise könntest du mal überlegen, die mainstream-nachrichten-apps zu löschen, die dienen mehr der verwirrung denn der wahren information 😉
    liebe grüße …aus dem pott…;o)

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