Ich heiße Roman

Ich heiße Roman. Bin 42 Jahre alt. Ich bin ein Zigeuner. So nennen wir uns stolz in unserem Land. Ich habe keine Arbeit und auch kein richtiges Haus. Ich lebe in einer selbstgebauten Bude. Meine Kleidung ist schmutzig. Ich habe aber ein gutes Leben. Ich lebe in den Bergen, weil man uns aus den Städten verdrängt hat. Ich atme frische Luft und kenne keinen Stress. Da unten, in der Stadt, soll das Leben nicht einfach sein, so erzählte man mir. Ja, ich habe ein gutes Leben. Eine Sache quält mich aber…

1984 – 1986 Banská Bystrica/Tschechoslowakei

Ich ging damals zur Schule. Ich wollte lernen. Ich weiß nicht, wer ich werden wollte, aber ich wollte jemand werden. Meine Klassenlehrerin war nicht unfreundlich, aber sie fragte mich nie etwas. Sie verlangte nie etwas von mir; nur dass ich still sitze. Und ich saß still. Alle Kinder saßen zu zweit in einer Bank; nur ich saß allein. Ich war still. Meine Klassenlehrerin kontrollierte nicht mal meine Hausaufgaben. Der Junge, der hinter mir saß, kontrollierte sie mir. Das hat ihm meine Klassenlehrerin aufgetragen. Er war auch mein einziger Gesprächspartner. Seine Welt und sein Zuhause waren so anders. Andere Jungen hänselten mich. Sie schlugen mich und quälten mich so oft. Meine Klassenlehrerin sagte nichts dazu. Sie sprach nicht mit mir; sie interessierte sich für mich nicht.

1987
Als mein Vater eines Tages nach Hause kam, sagte er, dass wir wegziehen müssen. Man wolle uns nicht in der Stadt, sagte er. Dann hat uns ein großes Auto abgeholt und in die Berge gefahren.

1987 – 1988 Dopšiná/Tschechoslowakei
Ich ging in eine andere Schule, die in einem kleinen Dorf war. Der Klassenlehrer hat uns, Zigeunerkinder, angeschrieen. Er sagte jeden Tag, wir würden nichts taugen, und dass aus uns Nichts werde. Ich begann daran zu glauben, dass ich ein Niemand bin. Ich habe nichts gelernt. Ich konnte kaum schreiben und lesen. An meinem letzten Schultag sagte mir mein Klassenlehrer zum Abschied: „Ab zum Sozialamt!“
Ich ging nach Hause. Ich war nicht traurig, dass ich nie einen Ausbildungsplatz bekommen würde. Für uns gab es keine Ausbildungsplätze.

Heute
Ich bin schmutzig. Ich habe keine Arbeit. Ich fühle mich alt. Ich bin aber glücklich. Also nicht glücklich, aber sicherlich zufrieden. Was mir aber die Seele zerreißt, sind die Worte der Menschen aus der Stadt. Sie sagen, dass wir Schmarotzer seien, nicht arbeiten würden. Sie beschimpfen uns, dass wir… Sie sagen, wir würden klauen und alles kaputt machen. Ich bin traurig, weil ich keine Arbeit habe. Niemand gibt mir eine Arbeit. Ich sei faul und nur ein Zigeuner, sagen sie. Ich wollte lesen lernen; ich wollte viel wissen, aber unsere Lehrer halfen mir nicht. Sie taten so, als ob ich gar nicht da gesessen hätte. Nur der eine Junge, der hinter mir saß, gab mir das Gefühl, dass ich auch ein Mensch bin. Dann hat man uns aber in die Berge gefahren und ich habe diesen Jungen nie wieder gesehen.

6 Kommentare

    • Guten Abend, es tut mir Leid… Als ich in der Schule war, hat man die Sinti und Roma so behandelt, bzw. übersehen… Als ich mit 20 als Lehrer gearbeitet habe, und mich mit den Zigeunerkinder intensiv beschäftigte (Deutschunterricht) und sie dann Deutsch sprechen konnten und von mir eine gute Noten bekamen, bekam ich Probleme. Die Schulleitung bezeichnete meine Noten als unglaubwürdig, man drohte mir, die Arbeit zu verlieren, wenn ich weiterhin Sinti und Roma fördern würde. Bis heute bin ich traurig. Und es macht mich wütend, dass man diesen Leuten später vorwirft, nicht arbeiten zu wollen. Wo? Wie? Ohne Bildung und ohne Ausbildung. So war es damals und jetzt in der Tschechoslowakei bzw. jetzt in Tschechien und der Slowakei

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      • Ebenfalls einen schönen Abend! 🌟 Ich bin jedesmal erschüttert, wenn ich vor Augen geführt bekomme, dass es in diesem Beruf Meschen gibt die voller Vorurteile und ohne Menschlichkeit handeln! Das macht mich so unfassbar traurig und wütend! Bewundernswert und sehr inspirierend, dass Sie sich trotz Widerstände um die betroffenen Kinder gekümmert haben!!! Man kann als Lehrer so viel Positives bewirken, überhaupt wenn die Kinder noch klein sind! Ich werde es wohl nie verstehen wie hartherzig, verschlossen und unreflektiert man sein kann, dass man Kinder so behandelt! Aber be the change you

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