Krisenlos

Der Kapitalismus ist nervös. Die Staatengemeinschaft ist ohnmächtig. Brüssel kritisiert Ungarn, weil das Land einen Zaun errichtete. Brüssel hilft Bulgarien, an der Außengrenze der EU einen Zaun zu errichten. Das Elend der Welt will man nicht sehen; die Paranoia nicht zugeben.
Man diskutiert über die Sicherheit, über die Schaffung neuer Arbeitsplätze und über das Wiedererlangen an Vertrauen. Die Bildung erwähnt man mit keinem Wort. Viel zu lange investierte Deutschland, Europa und die ganze Welt viel zu wenig in Bildung; viel zu wenig in gute Arbeitsplätze. Die Beschäftigung wächst: Leiharbeit, Minijobs, prekäre Beschäftigungsformen und befristete Jobs, die unter keine Tarifverträge mehr fallen.
Der Kapitalismus ist nervös. Er will expandieren; er muss bis zum Platzen expandieren, wenn er überleben will. Er manövrierte sich selbst in eine Krise und versucht uns seine Krise aufzudrücken. Wir Menschen sind nicht in der Krise. Der VW – Konzern und die Deutsche Bank und viele anderen Konzerne sind es wohl. Unersättlich, immer größer, immer reicher und immer einflussreicher wollten sie werden. Immer höher, immer mehr, immer schneller und immer steiler liefen sie. Sie sind in der Krise und mit ihnen unser Staat mir seiner Politik. Der einfache Mensch ist es nicht, wenn er nur versucht, jenem alten Mönch, der einst einen jungen Menschen nach seinen Lebensplänen fragte, eine klügere Antwort zu geben, als er von ihm erhielt. Der junge Mensch antwortete: „Ich will studieren und dann eine gute Arbeit bekommen und viel Geld verdienen. Dann will ich eine Familie gründen und ein Haus bauen.“ „Ist es alles?“, fragte ihn der Mönch. „Mit siebzig will ich mich dann zur Ruhe setzen.“, antwortete der junge Mann. „Und dann?“, insistierte der Mönch. Weitere Pläne hatte jedoch der junge Mann keine.
Ich will heute Abend die Sonne genießen. Ich habe das Wandern für mich entdeckt und werde mir meine ersten Wanderschuhe kaufen und tagelang auf der Frühlingsinsel Madeira wandern. Ich will den Jakobsweg in Spanien in der heißen Augustsonne bezwingen und die schmerzenden Beine mit einem großen Dank akzeptieren. Ich will bald mein Feldsalat, Kopfsalat und Zuckerhut ernten, den ich vor zwei Tagen eingepflanzt habe. Ich will einen Zuckerhut einer Freundin verschenken, die nur den Feldsalat gesetzt hat. Ich will Gutes tun wie jene Krankenschwester, die ihrem Chefarzt sagte: „An dem Tag, wenn ich keine Zeit haben werde, die Hand dieses kranken Mannes zu halten und ihm zuzuhören, werde ich gehen, ohne dabei auf meinen Kontostand zu schauen.“ Ich will weiterhin meine Arbeit als Lehrer mit viel Liebe ausüben und den Tag, an dem ich es nicht mehr schaffe, will ich nicht verpassen. Dann muss ich gehen, ohne dabei auf meine Kontoauszüge traurig zu starren. Ich will Freude geben und Hilfe leisten. Ich will mit den Unglücklichen lachen und mit den Armen teilen und dann bleibt immer noch viel Zeit für neue Pläne. Reich will ich nicht werden; ich will in das Nadelloch reinpassen. Die Krise meiner Gesellschaft mit Ausgeglichenheit und Klugheit will ich bekämpfen. Mit Büchern und Ideen schwäche ich sie. Blumen in meinem Garten will ich sehen und ihre Botschaft in die Welt tragen.

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