Das Kleid im Schnee

Du hast dir ein Kleid genäht, das viel zu eng war. Du wolltest an jenem Silvesterabend 1967 glänzen; du wolltest Aufmerksamkeit wecken. Deine Mutter warnte dich: „Du wirst dich unwohl fühlen in diesem Kleid. Du wirst nicht atmen können. Du wirst den Abend in ständiger Angst verbringen, dass das Kleid mitten im Tanz reißt.“, sagte sie. Du wolltest jedoch die Worte deiner Mutter nicht hören. Du warst zu eitel, zu selbstbewusst und dickköpfig. Du hast immer deinen Willen durchsetzen können. Du hast gestrahlt, geglänzt und vor Optimismus gesprüht. Man hat dich bewundert und man wollte wie du sein. Obendrauf warst du intelligent, belesen und eine leuchtende Zukunft hat auf dich gewartet. Trotz der Unfreiheit in unserem Land wusstest du wie man zur Freiheit gelangt. Du warst frei, jung und sorglos.

Du bist zu der Silvesterparty ins Hochgebirge gefahren. Dein selbstgenähtes Kleid, Mama, hast du natürlich mitgenommen und es auch in jener Nacht angezogen.
Du hast dich den ganzen Abend unwohl gefühlt; eingeengt in deinem Kleid. Dabei hast du natürlich an deine Mutter gedacht und bist trotzdem hochmütig geblieben. Du hast den Abend aber glänzend gemeistert. Du hast viel gelacht und getanzt. Auch geflirtet hast du. Du wusstest, dass man dich begehrt. Als die Party zu Ende ging, bist du in dein Hotelzimmer gerannt. Du hast das Kleid ausgezogen; du hast das Fenster geöffnet und hast mit voller Wut dein Kleid rausgeworfen. Dann hast du das Fenster zugeknallt. Das Kleid fiel in den Schnee.
Als der neue Tag anbrach, kam deine Nichte in dein Zimmer – haltend dein Kleid in ihren Händen. „Tante, ich habe dein Kleid gefunden. Es lag unten auf der Wiese im Schnee.“
Du hast gelacht. Du warst zu optimistisch. Nichts konnte dich aus der Bahn bringen. Du warst jung und das Leben lag vor dir.

Du hast gut gelebt. Du hast mir alles gegeben; alles beigebracht. Ich bin wie du: optimistisch, glücklich und strahle oft. Ich lache, tanze und trage manchmal gewagte Hemden und ausgefallene Hosen. Ich habe auf dich nie gehört. Ich setzte immer meinen Willen durch. Es macht mir Angst.

Du sitzt heute in deiner Wohnung und versinkst in Traurigkeit. Deine Gedanken sind viel zu schwarz. Es fehlt dir an nichts, auch wenn ich weiß, dass zu altern nicht einfach ist. Ich wünsche mir so sehr, dass du nicht alle deine Kleider kaufst. Ich wünsche mir so sehr, dass du dir noch einmal ein Kleid selbst nähst. Dann ziehst du los. Für eine Party ist es vielleicht zu spät, aber du ziehst los. Raus in die Stadt wirst du gehen, strahlen und lachen in den Straßen wirst du. Du entdeckst neue Facetten des Lebens und dann lachst du nur und deine neuen Träume geben mir einen Halt, um die Parallelen in unserem Leben tragen zu können.
Dein Kleid würde uns helfen.

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