Das Meer, das Schiff und ein Sonnenkind

Wie die Natur bin ich. Ungebunden und unruhig renne ich durch die Stadt an manchen Sommerabenden und versinke dann erschöpft in mein Bett. Kalt und frostig sind meine Worte und schlagen wie Blitze in fröhliche Menschenversammlungen ein. Wärme kann ich ausstrahlen und trösten, wenn ich nur will. Dunkel sind meine Gedanken, wenn ich an einem grauen Abend die Einsamkeit nicht mehr ertrage. Das Meer und sein Blau durchfließen mich; der raue Wind verpasst mir eine Ohrfeige, die ich als Rache woanders einsetze. Selbstbewusst und stark – wie ein Sonnenkind – stehe ich aufrecht auf meinem Schiff und lasse den Motor laufen. Ich lasse mich treiben wie die vielen Wolken – mal müde weinend; mal makellos weiß. Mein Schiff hat viele Löcher, die gestopft werden wollen. Das Leben hat sie reingeschlagen und ich mache sie mit meinem Leben dicht. Ich nenne sie Lebenspflaster und verstecke sie an manchen Tagen in meinem Lachen. Ich liebe sie und bin stolz, sie zu haben, an manchen anderen hellen Tagen. Dann bin ich wie die Poesie und die vielen Bücher – weise und erhaben. Dann bin ich bunt und harmonisch in einer Reihe. Und kaum, dass ich denke, so still und inhaltsvoll wie sie zu sein, reiße ich wie ihr Papier entzwei. Ich bin zerschlissen und zerlesen. Mein Rücken und meine Schutzhülle sind angegriffen. Ich bin vergilbt und sprachlos. Man versteht mich nicht, wenn man eine andere Sprache spricht. Und manchmal fällt der Regen und das Regal. (Billiger Reim wäre natürlich: Egal!)
Die Ungeduld ist meine Schwäche. Sie ist jedoch meine schöpferische Stärke zugleich. Als ich mich in der Petersburger Künstlerszene heimisch füllte, überlistete ich ein Petersburger Eichhörnchen. Ich schnappte es mit meiner Schnelligkeit und Überlegenheit – mit meiner Entschlossenheit, obwohl ich dachte, dass man nie ein Eichhörnchen zu fassen bekommt. Die Sonne stand ungewöhnlich hoch über der Stadt. Ich lief schnell in den Hafen und klaute ein Schiff. (Die Aurora lag rechts von diesem kleinen Boot.) Rein zufällig bemerkte eine junge Malerin meine Tat und sprang auf dieses von mir unter die Nägel gerissene Schiff und begann mich sofort zu malen. Als wir das finnische Ufer erreichten, ließ ich das Eichhörnchen laufen. (Später machte ich mir Sorgen und viele Vorwürfe, warum ich dieses Eichhörnchen nicht in jenen Petersburger Park zurück brachte…)

Ich erzähle der Malerin, mit ihr in einer finnischen Kneipe sitzend, mein Leben. Ich vermischte es mit der Autobiografie von Marcel Reich-Ranicki gewaltig. Ich kaufte sie einst ungeduldig in Bielefeld, nachdem ich schon eine Woche vor ihrer Erscheinung den Buchhändler genervt hatte. Ich ärgerte mich, dass er sie mir noch nicht verkaufen konnte.
Heute sitze ich zwischen zwei weißen Wänden. Mit dem Bild, das vor Jahren auf einem Schiff entstand und mit den Büchern, die ich retten konnte, bevor ich die finnische Bucht verließ. Ich denke an den ständigen Wetterwechsel und die vielen Gedanken, die ich in meinen Büchern entdeckte.
Manchmal bekomme ich Besuch – meistens samstags zwischen 14 Und 17 Uhr. Viele, die kommen, kenne ich nicht.
Vielen Dank für das Bild an Anamartina Kralik (Also wenn man so heißen kann, dann kann man sich auch gut vorstellen, dass man persönlich auf dem Schiff gewesen ist.)

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