Der überflüssige Mensch

Ich könnte auch wie Wagners Wotan auf das Ende der Welt warten und dabei sogar hoffen, dass es bald eintritt, oder wie Gontscharows Oblomov stundenlang in meinem Schaukelstuhl verharren und mir dabei den Kristalllüster anschauen. Meine Abende wären ruhig und mein Schlaf fast überflüssig. Ich könnte alle Bücher der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts, die mich an meine Trägheit erinnern, in meinen Keller verbannen. All die Bücher, die von einem überflüssigen Menschen handeln, könnte ich aus Wut vernichten.

 

Viel zu träge sind wir geworden. Gelangweilt streifen wir durch die Fußgängerzonen auf der Suche nach einer billigen Jeans. Bevor wir sie dann kaufen, denken wir ganz kurz an die schlechten Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter in der Textilindustrie in Bangladesch, um dann, stehend an der Kasse – genießen wir den für uns sehr vorteilhaften Preis dieser Ware. Die Bilder von Textilsklavinnen und Sklaven verschwinden in kürzester Zeit aus unseren Köpfen. Sie werden von Langeweile verdrängt. Dann wissen wir nicht mehr wohin mit uns. Es ist eh zu spät, etwas zu unternehmen. Unsere Freunde irren noch in den Kaufhäusern – nach einer neuen Handyhülle suchend.

 

Ich könnte wie Puschkins Onegin den ganzen Tag mit Nichtstun verbringen, mich wegen eines Unsinns mit jemandem duellieren. Ich könnte jede Tatjana, die in meine Nähe kommt ablehnen, weil ich müde und träge wäre, um zu lieben. Ich könnte das Leben eines überflüssigen Menschen bis in die Perfektion treiben. Ich könnte wie Lermontows Petschorin, ein pessimistischer Fatalist, mein kaltes Herz, meinen Überdruss pflegen – unfähig zu lieben.

 

Wir zählen die Tage, weil das Leben für uns längst nicht in der Gegenwart stattfindet. Wir warten vor dem Fernseher auf unsere Zukunft. Stundenlang tun wir nichts. Wir warten auf eine schönere Zeit, warten auf unsere Gehälter, um möglichst bald unsere Langeweile durch Konsum befriedigen zu können. Unsere Beine funktionieren nicht mehr, unsere Gehirne sind ausgelaugt und unsere Träume sind abgestumpft und wir wissen nicht, wie wir dem Alltagstrott entfliehen.

 

Ich könnte weiter wie bis jetzt leben. Genauso wie unsere Bundesregierung könnte ich nur die Symptome meines Verfalls bekämpfen und die Ursachen dieses Verfalls ignorieren. Viel zu ängstlich könnte ich bleiben, viel zu vorsichtig. Ich könnte sogar wie jene Menschenmasse werden, die immer weiter marschiert, immer weiter in ihrer grauen Herde – die tiefe Schlucht nicht sehend, nicht mal ahnend, dass sie sich bereits ganz nah bei ihr auftut.
Ich könnte viel aus meinem Leben machen, wenn ich nur die Kraft dazu hätte. Ich könnte die billige Jeans, die ich gekauft habe, wegschmeißen und nie wieder diesem Konsumschwachsinn, der mich nur erschöpft, folgen. Ich könnte mein Haus, in dem Behrangis kleiner schwarzer Fisch lebte, verlassen und dann weiter als hundert Meter schwimmen. Stattdessen warte ich auf bessere Zeiten und lehne jede Tatjana ab, die sich mir nähert. Ich könnte so viel aus meinem Leben machen, wäre ich nicht ein überflüssiger Mensch.

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