Midlife Crisis in Wanderschuhen

Wenn man sich die ersten Wanderschuhe einer bekannten Marke kauft, befindet man sich eventuell in der Midlife Crisis. Man will raus, etwas verändern und dem eigenen Leben neue Impulse geben. Man begibt sich auf die zweite Etappe des Lebens, die genauso intensiv oder sogar noch intensiver sein soll. Man bucht einen Urlaub nicht mehr an einem überlaufenen Strand eines großen Touristenzentrums; man sucht eher eine karge Landschaft der norwegischen Küste. Man will nicht vom Regen gepeitscht werden, aber ein einst so schöner Urlaub in Barcelona verlor längst seine Anziehungskraft. Madeira ist für mich so eine Zwischensache; eine kleine Hoffnung auf schöne entspannte Badetage und ein Abenteuer in den Bergen mit atemberaubenden Aussichten. Und der Jakobsweg rückt in die Nähe; ja, den muss man gehen, den muss man schaffen. Das Leben ist viel zu kurz, um noch warten zu können. Die neuen Wanderschuhe werden auf Madeira eingelaufen und auf dem Jakobsweg werden sie zum Zeugen von vielen leidvollen Kilometern eines Mannes 40+.

 

Eine Midlife Crisis erkennt man auch daran, dass man eines Tages eine Buchhandlung betritt und die gesammelten Werke von Michel de Montaigne kauft. Man ist satt von der Kindel-Kultur der Freunde, überdrüssig der vielen Billigausgaben unzähliger auf den Markt geworfenen Taschenbücher – einfach müde von den immer gleichen Geschichten von Liebe, Verrat und Mord. Man sehnt sich plötzlich nach einem tiefsinnigeren Ratgeber aus einer aufgeklärten Zeit. Man sucht nach stabilen Werten in einer wackeligen, voll von Gewalt sprühenden Welt. Die Franzosen haben es schon einmal geschafft und fegten das modrige System weg und wagten somit einen schwierigen Neuanfang, der sie unvergesslich machte. Vielleicht zeigen sie uns auch diesmal den Weg in die postkapitalistische Gesellschaft ohne Ausbeutung und ohne Kriege. Vielleicht werden sie die Ersten sein, die sich wieder auf unsere humanistischen Vorstellungen besinnen und den Menschen wieder aus dem Rad des schmutzigen Kapitalismus befreien. Ich bin schon gespannt, was mir Montaigne geben kann.
Bald fahre ich nach Zutphen. Es ist wohl die Midlife Crisis, die mich dazu bewegt hat. Ich schäme mich nicht mehr, mit Nordic Walking – Stöcken durch die Auen zu laufen und habe keine Angst mehr vor dem ständigen Regen in Holland. Ich nehme die Bücher von Montaigne mit, die ich heute in einem Buchladen kaufte. Ich nehme meine Wanderschuhe mit, die ich mir kaufte, und die mir in meiner zweiten Hälfte des Lebens den Weg zeigen sollen. Ich nehme die Erfahrungen und Erlebnisse meiner jungen Jahre mit und ergänze sie mit Montaigne und den neuen Wanderwegen, die auf mich warten. Ich werde das Leben schätzen und den Blick auf die Altstadt aus meinem Hotelzimmer genießen, obwohl es regnen wird. Schon jetzt freue ich mich auf das Zimmer, das ich in einem Haus aus dem 17. Jahrhundert gebucht habe. Die Midlife Crisis kann so schön sein.

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