Tschechows Mordwaffen

Beschreibt Anton Tschechow in einer seiner Erzählungen ein Zimmer, an dessen Wand eine Schusswaffe hängt, können Sie ganz sicher sein, dass diese als Mordwaffe eingesetzt wird. Stellen Sie sich nun zwei verschiedene Zimmer an zwei verschiedenen Orten vor. In dem einen Zimmer steht ein Kühlschrank, darin liegt eine Packung Wiener Würstchen; in dem anderen befinden sich einige alte Eisenpfannen. Bereits jetzt können Sie sich wunderbar ausmalen, was mit einer von diesen Eisenpfannen geschehen könnte; mit der Packung Wiener Würstchen tun Sie sich noch schwer. Das macht aber nichts. Willkommen in Osteuropa und in ihren schnuckeligen Städtchen und dunklen Wäldern.

Im Frühjahr saß ich in einem Zug auf der Fahrt von Köln nach Karlsruhe und lauschte einem Gespräch zweier Frauen. Eine dieser Frauen war Deutsche und die andere sprach ein fehlerhaftes Deutsch mit dem Akzent meines Heimatlandes. Diese Slowakin erzählte pausenlos über ihre Familie und die vielen Krankheiten, die die Familienmitglieder plagten oder bereits unter die Erde brachten. Die verschiedenen Krebsarten waren die Ursache der meisten Sterbefälle. Immer wieder betonte sie, dass sie sich mit Krankheiten nicht befasse, weil es ja einem nur schaden würde. Nachdem sie die Gallenkolik ihres Bruders erwähnte, ging sie sofort zum Bericht vom Tod ihres Opas über. Der Opa starb beim Frühstück. Er verschluckte sich an einem Wiener Würstchen woraufhin er tot umkippte. Ich fand das ganze skurril und überlegte frenetisch, aus welcher Gegend meines Landes diese Frau wohl kommen mag, wo die Leute immer noch wie in den russischen Erzählungen und Romanen des 19. Jahrhunderts sterben. Ich musste leider über den Tod des Opas von dieser Frau lachen, auch wenn ich nach zwei Stunden Fahrt und nach einem zweistündigen Bericht von abertausenden Krankheiten und Todesfällen ziemlich geknickt war. Wiener Würstchen zum Frühstück und der anschließende Tod eines alten Mannes wollten aber irgendwie nicht zu meinem Land passen, auch wenn man dort immer noch Gegenden vorfindet, die an die alten Zeiten erinnern.
Das Zimmer mit den Wiener Würstchen können Sie nun vergessen. Jetzt kommen wir zu dem Zimmer mit den vielen Eisenpfannen und somit zu meiner Familie. In meiner Familie stirbt man nicht so sanft.

Bevor ich Ihnen die zweite Geschichte serviere, möchte ich meine Traurigkeit darüber ausdrücken, dass sich seit dem mörderischen 20. Jahrhundert, in dem meine Oma geboren wurde und auf einen Mord zulebte, gar nichts verändert hat. Immer wieder müssen die großen Denker darauf appellieren, dass ein friedliches Miteinander notwendig sei, um die Krisen, die uns moralisch vernichten, bewältigen zu können. “Die Berge sind so kahl geworden wie der Kopf eines Mönches” – das neue Buch von Dalai Lama. Bevor ich die Geschichte meiner Oma erzähle, lasse ich diesen klugen Mann sprechen:

“Um den Herausforderungen unserer Zeit gewachsen zu sein, werden die Menschen ein größeres Gespür für ihre universelle Verantwortung entwickeln müssen. Jeder von uns muss lernen, nicht nur für sich selbst, seine Familie und sein Land zu arbeiten, sondern für die gesamte Menschheit. Die universelle Verantwortung ist der wahre Schlüssel zum Überleben der Menschheit. Sie bietet die beste Grundlage für den weltweiten Frieden, die faire Nutzung der Naturressourcen und die angemessene Pflege der Umwelt, und das alles auch in Sorge um die künftigen Generationen.”

Als meine Oma 16 Jahre alt wurde, verkaufte sie ihre Eltern als Hausmädchen. Man schickte meine Oma aus dem tschechischen Olomouc in eine verschlafene Kleinstadt in der Mittelslowakei. Nie wieder hat sie ihre Eltern gesehen; nie wieder hat sie mit ihnen gesprochen. Man verkaufte sie wie unbrauchbare Ware. Den ganzen Groll in ihr begann zu wuchern; zuerst in Stille, dann immer lauter und kämpferischer und schließlich überging er in die nie gewollte Gewalt. Getrennte Zimmer. Vergewaltigungen. Streit. Eifersucht. Meine Oma vermittelte uns Enkelkindern trotz ihres verlorenen Lebens eine gewisse Normalität. Schlafmittel. Schmerztabletten. Nur ein wenig das verfluchte Elternhaus und die Erinnerung daran zu betäuben, müsste es doch gehen, dachte sie. Diazepam. Gerodon. Stilnox. Paralen. Bloß an die Vorräte denken, ermahnte sie sich.
Nach und nach verlor meine Oma den Verstand. Sie lief in die Küche, nahm eine von den im Laufe der Jahre bewusst gesammelten Eisenpfannen und legte sie zehn Minuten auf eine heiße Herdplatte. Sie nahm dann die glühende Pfanne; lief ins Zimmer meines Opas und alt und entkräftet, wie sie war, schlug sie auf ihn ein. Das ganze Leid manifestierte sich als rohe Gewalt. Diese ihre letzte Tat als Ansammlung des Leides und der Unmenschlichkeit; des Leides, das man ihr zufügte; der Unmenschlichkeit, mit der man sie behandelte.
Ich werde nie erfahren, ob alles genauso war, wie ich es beschrieben habe. Meine Oma lebte noch sieben Jahre lang verwirrt in einem Altenheim. Mein Opa starb an einer Infektion im Krankenhaus; vielleicht nach einem Sturz auf der Straße.
Man stirbt in den Bergen im Nebel. Man lebt im Nebel und leidet. Verortet, weggerissen und machtlos lebt man in der Dunkelheit. Die Eltern meiner Oma waren grausame Menschen. Sie verkauften sie; sie schickten sie weit weg. Sie suchten nie nach ihrem Kind. Und dann begann der Krieg.

“Die Missachtung der wechselseitigen Abhängigkeit hat nicht nur unserer natürlichen Umwelt geschadet, sondern genauso auch unseren Gesellschaften. Statt uns gegenseitig umeinander zu kümmern, widmen wir unsere ganzen Bemühungen im Wesentlichen dem Rennen nach materiellen Befriedigungen. Auf unbewusste Weise sind wir davon derart benebelt, dass wir es vernachlässigt haben, den elementarsten menschlichen Bedürfnissen Genüge zu tun: der Liebe, der Besonnenheit und der gegenseitigen Hilfe. Das ist äußerst traurig.” (Dalai Lama: Die Berge sind so kahl geworden wie der Kopf eines Mönches.)

Ich wüsste nun gern, ob sich die Eltern meiner Oma für das Geld, was sie von meinem Opa erhalten hatten, einen Perserteppich kauften. Oder vielleicht ernährten sie nur die anderen Geschwister meiner Oma in schwierigen Zeiten. Die Welt war grausam und sie ist kaum besser geworden. Urteilen – können wir nicht.

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