Die Idioten

Ich versuche mich ständig in die Politik einzumischen. Das tut mir nicht gut. Eine schon etwas ältere Dame würde ich gern als Idiotin bezeichnen, aber ich tue das aus zwei Gründen nicht. Der erste Grund ist sehr naheliegend. Die Beleidigung einer öffentlichen Person ist in unserem Land strafbar. Der zweite Grund liegt in der Etymologie des Wortes Idiot. In der griechischen Polis wurden mit diesem Begriff diejenigen Personen bezeichnet, die sich aus allen öffentlichen Angelegenheiten und aus den politischen Aufgaben heraushielten und keine Ämter bekleideten, obwohl das ihnen wohl möglich war. Also schau mal einer. Diese Dame ist schon seit Jahren davon überzeugt, dass ihr politisches Streben für unser Land wichtig sei und wagt es erneut dem Wohle des Volkes auf der Polis-Ebene zu dienen. Ein wahrer Idiot, jetzt weiß ich das, bin ich. (zumindest in dem Sinne der griechischen Polis)

Nun möchte ich euch, nachdem ich mich selbst vorgestellt und entlarvt hatte, noch zwei andere Idioten vorstellen.

Natürlich! Zuerst erwähne ich den Idioten von Dostojewskij. Der Fürst Myschkin verließ sein Schweizer Refugium und machte eine Reise nach St. Petersburg. Er sah den gesellschaftlichen Niedergang seines Landes, kam nicht klar mit der Degradierung des Sozialstaates und begegnete den Menschen, die käuflich und korrupt waren. Der allgegenwärtige Kommerz des gesellschaftlichen Lebens wirft ihn in seinen Krankheitszustand zurück. Ein Idiot!, der nicht mitmachen will, der sein Reichtum nicht um jeden Preis vermehren will. Ein Idiot!, der von einem gerechten und moralischen Leben träumt. Vielleicht ein Kommunist?, oder ein Idealist, der die Ausbeutung und den Profit ablehnt.

Langsam beginne ich die Vorstellung, ein Idiot zu sein, zu genießen.

Ich kenne noch einen sympathischen Idioten. Er wollte fliegen, wie es in einem Lied von Alberto Cortez heißt. Alle Menschen sagten ihm, dass es nicht möglich sei. Alle beschimpften ihn, als sie von seinen Träumen hörten. Sie sagten: “Der arme Idiot, er weiß nicht, dass das Fliegen unmöglich ist.“ Er blieb stur und eines Tages breitete er seine Flügel aus und flog. Als die Menschen das sahen, wurden sie wütend, weil ihnen plötzlich klar wurde, wie erbärmlich, sinnlos und langweilig ihr Leben ist. Sie ärgerten sich über ihre eigene Mittelmäßigkeit, über die eigene Fantasielosigkeit und über die Uniformen, in die sie sich selbst reinmanövriert haben. Sie holten ihn vom Himmel und als Strafe für seine Kühnheit verpflichteten sie ihn bis in alle Ewigkeit unter den Menschen zu leben.

Manchmal übertreibe ich in meinem Leben und träume und wage zu viel. Dann höre ich oft, dass ich mich viel zu weit aus dem Fenster lehnen würde, oder dass ich wahnsinnig sei. Nennt mich doch lieber: Idiot. Mir geht es gut. Ich bin gerne ein Idiot. Und die besagte Dame, die noch einmal ihr Amt bekleiden möchte, braucht keine Angst zu haben, als solche beschimpft zu werden. Eine Idiotin ist sie wahrlich nicht!

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