Heimatlos

Das Neue Jahr begann ich in der Sauna und ich versuchte “das neoliberale Gift” aus meinem Körper auszuschwitzen. (Vgl. J. Wiebicke: Zu Fuß durch ein nervöses Land, S. 10.) Ich war so naiv zu denken, dass mir dies gelingen könnte. Die Angst vor einem sozialen Abstieg schaute mich aus vielen Augen der Saunagäste an. Die Angst, die uns alle lähmt, die uns die Gesellschaft vergessen lässt und die uns dazu verdammt, sich nur auf sich selbst zu konzentrieren. Ich musste mich bewegen, um nicht wahnsinnig zu werden, um mich nicht krank zu fühlen. Die Sehnsucht nach einem “analogen Ort” (ebd. S. 10) war so stark und mein Wille, diesen Ort zu suchen, so schwach. Unsere kommerzialisierte Orte haben sich zur Unkenntlichkeit verändert und unsere Konzentrationsspannen haben sich dermaßen verkürzt, dass wir kaum noch eine einzige Sache verfolgen können. Nicht mal lieben können wir intensiv, da das Zeitfenster, in dem wir auf eine Sache konzentriert sind, viel zu klein geworden ist. Ich laufe in den Wald hinaus, der schon so oft meine Rettung war. Jetzt aber, ist dieser Wald nur eine riesige Monokulturplantage, bepflanzt mit tausenden Fichten; alle gleich, alle normiert – ohne Leben. Und immer wieder der Kahlschlag, von Maschinen zerstörte Waldwege, abgerissene Zweige begleiten mich bei meiner Suche nach meinem Ort. Nur die Armut der Menschen sehe ich in diesem Wald nicht. Sie ist in unseren Städten; die Armut, die Angst, die Gleichgültigkeit. “Wie schnell das in diesem Jahr ging, dass die globale Armutsproblematik ihr Gesicht mitten unter uns zeigt! Nichts ist gut in dieser Welt da draußen, und nichts davon lässt sich mehr hier drinnen in unserem Wohlstandskokon ignorieren. Jetzt zeigt sich mir der brutale Riss überdeutlich an einem Sommerabend auf dem Marktplatz von Straelen. Wer dazugehört, verzehrt. Wer nicht dazugehört, schaut anderen beim Verzehr zu. Keiner der Gäste in den Restaurants neidet den Flüchtlingen den Platz auf der Bank unter der Eiche, der bestimmt mal der beste hier war an warmen Sommerabenden. Denn serviert wird woanders.” (ebd. S. 107)

Der Zukunftsfatalismus brachte uns auseinander und beschnitt unsere Kommunikation. Wir reden nicht mehr, wir beschallen uns nur mit unwichtigen Dämlichkeiten. Kaum jemand liest noch; die Bücher sind viel zu schwierig, viel zu dick, oder viel zu teuer, sagen wir. Wir lassen uns von Langweilern, die ihre Informationen aus billigen TV – Sendungen beziehen, belehren und bewundern sie noch obendrauf und glauben dem, was sie uns sagen. Das einzige, was wir veränderten, ist das blaue Licht in den öffentlichen Toiletten. In diesem Licht, kann man sich nämlich kein Heroin spritzen, weil man die eigenen Venen nicht sieht. Eine tolle gesellschaftliche Leistung – den Verzweifelten das warme rote Licht zu nehmen.

Ich verließ den Wald, um der endlosen Monotonie zu entgehen, lief über noch trostlosere Maisfelder. Nirgends eine Kornblume, nirgends ein roter Mohn – alles mit Chemikalien vernichtet, durch Gülle ausgerottet – überall Nitrat belastete Böden und das kontaminierte Grundwasser. Nein, sehen kann man es nicht, aber aus einer Zeitung erfährt man es schon. Niemand protestiert. Niemand kämpft. Die Bequemlichkeit ist überall. Nur das eigene Ich zählt, nur das eigene Leben im Jetzt. Alles andere interessiert uns nicht mehr. Zu faul sind wir geworden, zu konform, zu ängstlich. Unsere Körper sind durch die monotone Papierarbeit und durch den sinnlosen Gelderwerb ausgelaugt. Wir sind müde geworden; grau sind wir geworden, Egoisten sind wir geworden. Da draußen frieren die Menschen, sie liegen in Bahnhöfen, auf den Plätzen. Ja klar können wir ihnen nicht helfen. Wie denn? Für eine soziale Revolution sind wir zu feige. Irgendwie schaffen wir es doch, unser Leben im Wohlstand weiter zu führen. Bis zu unserem Tod ist es eh nicht allzu weit. Wozu sich also noch anstrengen? Eine verwüstete Welt, eine ungerechte Welt hinterlassen wir. Alles haben wir bereits planiert: die Kommunikation, das Mitleid; wir sind abgehärtet und desinteressiert. Niemand glaubt an Sozialismus. Kaum jemand weiß, was der Sozialismus bedeutet. Es ist einfach zu sagen, dass der Sozialismus nicht funktioniert hat. Wir haben Angst um unser Geld, weil wir das Glück nur in Verbindung mit Geld sehen. Das Geld aber, und das sinnlose Privateigentum sind die Ursache unserer Zerstückelung und unserer Depressionen. “Ich bin in der Tat der Ansicht, überall, wo es noch Privateigentum gibt, wo alle an alles das Geld als Maßstab anlegen, wird kaum jemals eine gerechte und glückliche Politik möglich sein, es sei denn, man will dort von Gerechtigkeit sprechen, wo gerade das Beste immer den Schlechtesten zufällt, oder von Glück, wo alles unter ganz wenige verteilt wird und wo es auch diesen nicht in jeder Beziehung gut geht, der Rest aber ein elendes Dasein führt.” (T. Morus: Utopia)

Wir beschäftigen uns kaum mit den Gedanken von unserem kulturellen Erbe. Wir fabulieren nur selber und bieten unsere Fabulationen in immer neu abgeänderter Form als das große Wissen an. Somit sind wir eine leichte Beute für den Staat, der uns immer mehr versklavt. Wir leben in einem Staat, in dem wir uns gegen alles versichern müssen. Mehrere Versicherungen sind nötig, um einigermaßen ruhig schlafen zu können. Was ist das für ein Staat, in dem man stets mit dem schlimmsten rechnen muss? Von rechts droht uns die Arbeitslosigkeit, von links die Krankheit, von oben das Unwetter und Feuer und von unten ein selbstverschuldeter Unfall. Von schräg links pocht die Altersarmut an unsere Tür und von schräg rechts ein Terrorangriff. Das alles wird noch schön militarisiert und durch die zahlreichen Polizisten auf den Straßen eingefärbt. Ein Paradies liegt woanders. “Doch bin ich fremd. Und fremd ist das Gehäuse, in dem ich sitze: dieser Zufallsort – der mich gefangen hält. So manches Jahr.” (M. Streubel in J. Klare: Nach Hause gehen. Eine Heimatsuche, S. 49.)
Ich überquerte das letzte Maisfeld und endlich erreichte ich die Küste. Der Anblick des Meeres versetzte mich in eine noch tiefere Traurigkeit. Im Plastikmüll badende Touristen genossen ohne Abstriche ihre wenigen Urlaubstage. Überall lag Müll und Berge von trockenen Algen. Und alle schienen diese Zerstörung unserer Küste nicht zu bemerken. Die Ignoranz der Realität. Der Verlust der Empfindlichkeit. Kulturelle Misere. Ich kehrte um, ich lief noch schneller. Aber wohin? Wieder zurück in mein inneres Exil, in meine Einsamkeit und Verzweiflung. “Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.” (Eichendorff, ebd. S. 166.)

Vielleicht muss ich mich damit abfinden, dass ich nichts bewegen kann, dass ich nichts ändern kann. Ja, ich habe mit der Veränderung von mir selbst begonnen, aber sie reicht mir nicht. Meine Umgebung deprimiert mich. “… eine Rückkehr zur Normalität werde es nicht mehr geben – nicht mehr für uns. Die Welt, die wir geliebt haben, ist unwiederbringlich dahin. Unser Wort wird nicht mehr verstanden werden – in keiner Sprache. Wir werden Heimatlose sein – in allen Ländern. Wir haben keine Gegenwart und keine Zukunft.” (S. Zweig in G. Prochnik: Das unmögliche Exil. Stefan Zweig am Ende der Welt. S. 47.)

Ich bin heimatlos geworden. Schon viele Male verlor ich meine Heimat, oder sie wurde zerrissen und klein gehackt. Sie wurde dezimiert und fragmentiert durch neue Straßen, neue Verkehrsschilder. Verunreinigt mit Chemikalien und verdunkelt durch Fabrikkamine. Ich finde nie meine Heimat. Früher gab es dort Wiesenblumen. Heute sind sie verschwunden. Alles wird klein gemäht. Alles nach Norm, drei Zentimeter hoch, überall, steril.

Wir leben monoton, ohne Bewegung und ohne Regung. Wir sind wieder wie die Österreicher vor 1914. “Sie lernten, die Unterdrückung mit einem Lächeln zu unterstützen, zunächst servil, dann sanft und schließlich zum Stereotyp des Wiener Lächelns geronnen, hinter dem sich das wahre Ich der Menschen verbarg. Oberstes Ziel der österreichischen Diplomatie im Kaiserreich, das stets kurz vor einem unerfreulichen Ereignis stand, war es, zu verhindern, dass irgendetwas passierte, und deshalb gerieten auch die Menschen in diese Geisteshaltung, die höchst ungern etwas tut. Ohnmacht und Trägheit wurden sozusagen zur Nebenstraße in Richtung Toleranz.” (Ebd. S. 193.)

Nun kehre ich nach Hause, in meine Wohnung am Rhein. Zuerst muss ich aus dem Zug steigen, mich durch die Massen an Obdachlosen durchkämpfen; einem trete ich Leider auf den Fuss, einen anderen überrenne ich fast in meiner Verzweiflung. Es ist kalt und es regnet. Ich habe Angst, in meinen Briefkasten zu schauen; ich war lange weg. Zum Glück nur ein Brief über die Erhöhung der Krankenkassenbeiträge um zehn Euro pro Monat. Dies stärkt mein linkes Gedankengut; bei vielen anderen Menschen schwillt das rechte Gedankengut noch mehr an. Meine Wohnung ist warm; die Nachbarn haben sozialistisch mitgeheizt. Jetzt revangiere ich mich. Meine Amaryllis treibt eine kleine Blüte. Sie ist klein, aber ich freue mich darüber sehr. Ein echter Brief im Briefkasten. Danke Dir!, dass du mir mit deiner Hand geschrieben hast. Du sehnst dich nach Frieden, du vermisst ihn. Ich bin glücklich, dass ich nicht alleine bin. Der Brief hat meine Rückkehr verschönert. Ein Licht für meine dunklen Tage. Morgen stehe ich schon wieder vor meiner Klasse und verbreite Glück, Optimismus und ich strahle die Zuversicht aus – alles für Geld, alles aus der Unfähigkeit, aus dieser Lebensmaschine nicht aussteigen zu können. Alles ist OK. Ich bin ein Teil unserer Letarigie.

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