Die seltsamen Menschen


Und dann hast du mir gesagt, du würdest dich unwohl fühlen. Die Tage seien grau und die architektonische Schönheit deiner Stadt, könne kaum die Tristesse mildern, die dich umgibt. Und das Schlimmste, sagtest du, seien die Menschen, denen du begegnest. Alle hätten etwas Bedrückendes und Lebloses, erzähltest du mir mit trauriger Stimme. Die Menschen würden nur existieren, sie würden das Leben gar nicht kennen, sagtest du, und machtest mich glücklich. Ich hörte dir zu und wunderte mich darüber, und freute mich wie ein kleines Kind, dass ich nicht alleine so denke. Du erzähltest, dass du viele hungrige Gesichter gesehen hättest; sie alle würden ums Überleben kämpfen; traurige Tagelöhner mit der Hoffnung, eine Arbeit zu finden. Du warst sehr traurig, dies sehen zu müssen; du hast immer schon von einem anderen Leben geträumt. Du suchtest in dir und du suchtest im Leben nach sorglosen reinen Seelen und hast diese nie gefunden. Du suchst weiter und du findest immer nur mich. Ich kannte selbst viele Menschen, die sorglos und rein waren; die eine unglaublich starke Ausstrahlung hatten. Aber das ist schon lange her. Nun, in unserer Zeit, finde ich niemanden, der leben würde; ich finde nur Dich. Man hat dich festgenommen und eingesperrt, weil du deinen Weg gesucht hattest. Man hat geglaubt, du wärest nicht zurechnungsfähig, nur weil du anders als die Masse leben wolltest. Natürlich, du hast arg übertrieben. Aber lief Jesus nicht selbst übers Wasser? Siddhartha brach auch eines Tages auf; schmiss sein mit Perlen verziertes Gewand weg und lief barfuß raus, um die Welt zu sehen. Und niemand lacht sie heute aus. Niemand wundert sich. Wir können nur neidisch sein, dass sie ein Leben in Fülle hatten. Heutzutage versprechen uns müde falsche Propheten ein Leben in Fülle und ihre Kanzel verwandelt sich schon während der Predigt in ein Hamsterrad. Sie verwandeln zwar immer noch das Wasser in Wein, aber sie trinken ihn dann viel zu begierig, um ihre Sorgen zu betäuben. Du sagtest, du hättest dich in deinem Gefängnis wie der Panther gefühlt. Ja, tatsächlich, du sagtest wie der Panther und nicht wie ein Panther. Du reflektierst immer noch; du kennst mein Lieblingsgedicht. Auf endlosen Fluren gab es nichts, nur tausend Fenster und du hast dahinter kein Leben gesehen. Das Leben ist aus unserem Leben verschwunden. Weg. Ausradiert. Es heißt wieder: die Geburt, Studium, Arbeit, Kinder und irgendwann der Ruhestand. Und dann?, fragte einst ein alter Mönch. Und dazwischen?, frage ich. Du weißt genau wie ich, dass kaum jemand diese Frage beantworten kann. Schulterzucken. Dann schaut man uns so seltsam an, als wären wir verrückt, als wären wir irgendwelche dummen Idioten. Du hast selbst gesagt, dir scheine, dass du ganz normal bist. Ich musste feststellen, dass ich viele Freunde verloren habe. Sie stecken fest in einer grauen Brühe. In dieser klebrigen Brühe schwimmen kleine Fetzen von Internetmeldungen ohne Zusammenhänge und große Klumpen von ungewollter und ungeliebter Arbeit. Sie baden in dieser Brühe, als wäre sie ein azurblaues Meer. Sie genießen es, sich dort treiben zu lassen; mit verklebten Augen, mit vollgestopften Mündern und hängenden Bäuchen.
Dabei erkannte schon Humboldt, dass alles mit allem zusammenhängt: der Zustand der Natur mit dem Zustand der Gesellschaft. Und dann erwarten die Unglücklichen von heute, dass sie glücklich werden, ohne etwas dafür zu tun. Die meisten erkennen nicht mehr die Zusammenhänge. Viele Menschen denken, dass sie sich bilden, wenn sie fünf Bücher im Jahr lesen, oder zwei Stunden am Tag irgendwelche Bildschirme anstarren. Sie denken, dass sie die Arbeit glücklich machen würde, dass sie dort aufblühen, nützlich wären. Und manche denken sogar, sie wären unersetzbar. Keiner läuft übers Wasser, keiner schmeißt seine mit Perlen verzierten Gewänder weg, keiner besteigt unsere Berge und keiner badet in unseren Flüssen. Keiner schaut nach rechts und links. Keiner erhebt sich. Die graue Brühe kommt auch in meine Nähe. Du brauchst aber keine Angst zu haben. Ich laufe weg. Weißt du, dass ich mir letztes Jahr eine kleine Hütte gebaut habe? Sie ist wunderschön. Junge Rehe kommen jeden Morgen zu mir und betteln mich an, dass ich sie streichle. Ich bin so glücklich. Ich war auch in Lasa. Kennst du die Stadt? Die Luft war so rein dort. Gerade komme ich aus Bhutan zurück. Sie haben kein BIP, sie messen nur ihr Glück. Die Menschen sind arm dort, aber sie kennen das Leben in Fülle. Wir kennen IKEA. Auch ziemlich voll. Und die Autobahnen. Überfüllt. Und unsere Terminkalender. Verhasst und überfüllt. Ich bin glücklich. In ein paar Tagen werde ich auf einer Insel sein. Im Atlantik. Nur laufen und schauen und die Farben genießen und auf den Klippen stehen und dabei den sich brechenden Wellen lausche. Ich warte nicht mehr auf ein Leben in Fülle. Ich lebe es und fülle es mit Farben. Ich laufe weit weg von der grauen Brühe. Ich werde den Jakobsweg gehen. Und gestern Nacht konnte ich nicht schlafen, weil ich meine Pilgerfahrt auf der japanischen Insel Shikoku geplant habe; 1300 km, die ich vielleicht nicht schaffen werde, aber ich muss es versuchen. Ich kann nicht auf ein Leben in Fülle warten und es mit leeren Tagen nach und nach abtöten. Du hast gesagt, dass du sehr dankbar bist, dass ich dir den Weg zeige. Ich bin dir auch dankbar, dass du manchmal über das Wasser läufst und ab und an sogar deine Sachen wegwirfst.

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