Der Wintergarten


Wir Zugezogene kennen die Geschichte von Rudi nicht mehr und die Weggezogenen kannten sie vielleicht, aber sie werden sie uns nicht mehr erzählen. Ich kannte Rudi auch nicht, weil ich zu spät in sein kleines Dorf gezogen bin. Rudi war schon vor einigen Jahren verstorben, bevor ich kam. Ich sitze manchmal mit seiner Frau in dem ins Wohnzimmer integrierten Wintergarten und lausche ihrer Lebensgeschichte. Rechts von mir stehen noch zwei Blumenregale, die Rudi selbst gebaut hatte und links auf dem ebenfalls von ihm gezimmerten Schrank steht eingerahmt sein Foto. Eine brennende Kerze erleuchtet sein Gesicht. Diese Kerze ist immer an, wenn ich komme. Ich schaue seine Frau an, dann die Blumen und dann das Bild von Rudi. Ich kenne nun seine Geschichte, auch wenn nicht ganz genau. Ich weiß nicht, ob wir befreundet wären, wenn er noch leben würde. Er lebte in einer Welt des Handwerks und er arbeitete hart in einer Fabrik hinter dem Dorf. Diese Welt kenne ich nicht und ich meide sie sogar. Die Geschichte von dem selbstgebauten Wintergarten nahm mich aber gefangen. Das Zuhören macht uns reicher. Seine Frau sagt immer, dass sie meine Pflegemutter sei. Sie kocht für mich nicht, aber sie öffnet ihren Kühlschrank für mich und sucht in den Schubladen nach frischem Brot und sie ermuntert mich, ihr mein Leid zu klagen. Und dann erzähle ich von meinen Träumen und von meinen Irrungen. Und sie erzählt dann vom Krieg und von Rudi.
Rudi eilte immer aus seiner Arbeit nach Hause, er aß schnell im Stehen und verschwand dann in seiner Werkstatt. Er öffnete die Tür zum Garten, damit er noch die letzten Lichtstrahlen genießen kann. Er war dankbar für die zwei Stunden im Tageslicht und für die Zeit, in der er seinen Hobel in die Hände nehmen konnte. Manchmal rief er nach seiner Frau: “Komm mol runna und heb mir molebbes…” Als sie in die Werkstatt kam und versuchte, die schmale Holzplatte zu halten, neckte er sie: “Du sollsch heebe, hab i gsagt, net ziehe!”
Er baute alles, was heute in seinem Haus steht: Die Schränke und Regale, den kleinen Kerzenständer in der Küche und die Türen. Auch eine Holzkrippe für Weihnachten baute er. Sie wird jedes Jahr aufgestellt, wenn für seine Frau die traurige Zeit beginnt. Die Tage sind so kurz und dunkel und in ihrem Haus ist es so still und einsam. Sie muss dann in die Werkstatt runter, um Holz für den Kachelofen zu holen. Dann schaut sie sich traurig den Hobel an, der dort immer noch steht und vielleicht vergießt sie dann eine kleine Träne, wenn sie das Holz anfasst, mit dem ihr Mann mit so viel Begeisterung arbeitete.
Als Rudi immer schwächer wurde, weil die Jahre der harten Arbeit an ihm zerrten, nahm er sich vor, für das hohe Alter, sich und seiner Frau einen Wintergarten zu bauen. Er wollte noch mal ein Stück seines Könnens zeigen. Er wollte seinen schwindenden Kräften trotzen. Er wollte für seine Frau mehr Sonne in das Wohnzimmer holen. Vielleicht wollte er ihr Leben noch schöner machen; mit Licht durchfluten. Er wusste, dass sie Blumen mag. Er wollte für ihre beiden Blumenregale ein schönes Plätzchen schaffen. Er machte sich sofort an die Arbeit. Er besorgte das Holz und dann verschwand er an vielen Abenden in seiner Werkstatt. Dann kamen die Bauarbeiter mit ihren Maschinen und durchbrachen die Hauswand. Dann sollte alles schnell gehen. Die in der Werkstatt vorgefertigten Sachen mussten eingebaut werden. Rudi wurde jedoch krank. Er hatte keine Kraft mehr, diesen seinen Wintergarten zu Ende zu bauen. Er musste seine Freunde um Hilfe bitten. Sie mochten Rudi, weil er ihnen stets geholfen hat, wenn etwas Handwerkliches nötig war. Sie kamen, um das in der Hauswand klaffende Loch zu schließen und den Wintergarten nach Rudis Vorstellung fertig zu bauen. Als sie sich an das Werk machten, schaute ihnen Rudi am Anfang zu. Dann konnte er es nicht mehr. Er war verzweifelt, als ihm klar wurde, dass er seinen kleinen Traum nicht selbst weiter bauen kann. Sein geliebtes Werkzeug in den Händen seiner Freunde quälte sein Herz. Seine Hilflosigkeit und seine körperliche Schwäche vertrugen sich nicht mit seinem Willen zu bauen, zu werkeln und zu schaffen. Er ertrug nicht mehr diesen Anblick; er ertrug nicht mehr sein machtloses Sitzen auf dem Sofa. Er rannte nach oben in sein Zimmer, obwohl er viel zu schwach war, um die Treppen alleine hoch zu laufen. Er schloss die Tür hinter sich zu und vielleicht weinte er. Vielleicht tobte er innerlich und vielleicht auch laut. Ein Mann, der sein ganzes Leben die Arbeit nicht scheute, lag nun machtlos auf seinem Bett.
Rudi, ich kannte dich nicht, dich gibt es leider nicht mehr. Jedoch dein Wintergarten ist immer noch schön. Und deine Frau freut sich jeden Tag aufs Neue, dass du ihr Leben heller und bunter gemacht hast. Sie zündet immer noch jeden Tag eine Kerze an und sie bringt dir Blumen. Und sie spricht mit dir. Sie denkt an dich und sie erzählt von dir. Und wenn ich in deinem Wintergarten sitze, schaue ich dich an; dein Foto ist immer vor mir. Du bist gegangen, nur wenige Wochen vor eurer Goldenen Hochzeit. Ich kam zu spät, um dich kennen zu lernen. Ich habe nun diesen Text geschrieben – als Erinnerung an dich, die weiter lebt. Und als Dank an meine Pflegemutter, die mir in diesem Wintergarten ihre Geschichten erzählt und die den meinen zuhört, wenn ich traurig bin.

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