An meine Schüler

Viele Tage habe ich an euch gedacht, nun schreibe ich euch, damit ihr meine Gedanken lest. Ich will euch weder anklagen noch angreifen. Ich möchte einfach nur meine Überlegungen mit euch teilen, weil ihr sehr wichtig für mich seid. Einer von euch sagte zu mir, dass ich nicht lachen sollte, wenn ich traurig sei, weil ich dann sonst depressiv meine Abende verbringen würde. Was soll ich machen?, dachte ich. Soll ich den Unterrichtsraum vor Wut verwüsten? Soll ich schreien, oder weinen, weil ich mich so oft mit euch allein fühle? Habt ihr euch überlegt, warum ich euch letzte Woche gebeten hatte, dass ihr euch auf euren Stuhl hinstellt? Ihr habt gezögert; ihr dachtet, dass ich es nicht ernst meinen würde. Dann habt ihr mich gesehen, wie ich als erster auf meinem Stuhl stand; einer von euch fragte noch, ob es mit Schuhen gehen würde. Jaaaa! Warum nicht? Dann seid ihr einer nach dem anderen auf die Stühle hochgestiegen; langsam, immer noch zögerlich. Dann standen wir da, im Kreis, und sahen uns in die Augen. Ihr war plötzlich da; anwesend. Es hat mich sehr gefreut, dass ihr endlich einander anschaut. Eure Handys blieben auf den Tischen. Plötzlich habt ihr zugehört, was ich sage; ihr habt zugehört, was jeder von euch sagt. Und dann ließ ich euch den einen irrealen Satz aussprechen; mal traurig, mal schreiend, laut und leise, lustig und ängstlich. Ihr habt mitgemacht; ihr wart da. Wir konnten miteinander kommunizieren; auf den Stühlen stehend. Ihr habt alles drumherum vergessen; eure Trinkflaschen, eure Bücher; und hoffentlich auch eure Probleme. Ist euch schon aufgefallen, dass ihr nicht mal wisst, wie manche von euch heißen? Habt ihr bemerkt, dass ihr oft in den Pausen kaum miteinander sprecht?

Oft bitte ich euch, sich zu mir näher zu setzen; ich bitte euch die Handys wegzulegen; die Bleistifte, die Bücher; alles was euch, oder uns vom Lernen ablenkt. Ich will, dass ihr zuhört, dass ihr euch Gedanken macht; dass ihr lacht. Ich will, dass ihr kritisch nachfragt, dass ihr zweifelt. Ich fordere euch oft heraus, um die Stille, die zwischen uns und zwischen euch herrscht, zu besiegen. Wie oft spricht einer von euch, und kaum jemand hört zu. Eure Köpfe sind meistens nach unten gesenkt, nach unbekannten Wörtern in euren Handys suchend. Verbote habe ich nie erteilt; Verbote werde ich nie erteilen. Ich bitte euch nur. Wie viele Bitten habt ihr von mir schon gehört? Weiß es jemand von euch? Meine Bitten. Mal ruhig-traurig, mal ironisch. Ich wünsche euch “guten Appetit!”, wenn ihr im Unterricht esst. Ich frage euch “Wie war der Urlaub?”, wenn ihr nicht zum Unterricht kommt. Und eure Verspätungen. Wie viele Male versuchte ich euch das zu erklären. Ich sagte es klar, dass es respektlos sei, respektlos gegenüber mir, und gegenüber den anderen. Ist euch nie aufgefallen, wie viel Zeit uns eure Verspätungen kosten? Was denkt ihr, was ich im Unterricht mache, während ihr noch nicht da seid? Ich habe zwei Möglichkeiten. Die erste ist, dass ich mit neuem Lernstoff anfange. (Diese Möglichkeit ist nicht gut für euch, da ihr anschließend die Übungen nicht versteht und somit die ganze Gruppe bremst.) Die zweite Möglichkeit ist die, dass ich die Pünktlichen von euch verarsche, und eine unwichtige banale Sache bespreche, auf die anderen wartend. (Mit dieser Alternative verarsche ich die Pünktlichen.) Vielleicht hilft dieser Text. Es werden ihn aber nur wenige von euch lesen. Vielleicht ist dieser Text zu lang, vielleicht zu langweilig, um ihn bis zum Schluss zu lesen.

Ich habe euch letzte Woche herausgefordert. Die Herausforderung bestand darin, dass ihr am Abend eure Handys ausschaltet und erst am nächsten Tag anmacht. Ich sagte sofort, dass ich es nicht schaffe. Wir sind abhängig von dem Ding. Ich behaupte sogar, dass es unsere Persönlichkeiten zerstört. Es zersetzt unsere Gedanken; durchlöchert unsere Aufmerksamkeitsspanne. Einer von euch hat tatsächlich sein Handy ausgeschaltet. Einer! Die anderen haben es nicht mal versucht. Ihr habt nicht mal daran gedacht, es zu versuchen. Was wäre passiert, wenn ich euch aufgefordert hätte, eine Woche lang vegan zu leben, oder auf Plastik zu verzichten? Was hättet ihr gesagt, wenn ich euch gebeten hätte, mit mir für den Kölner Marathon zu trainieren, oder zumindest mit mir zu Fuß am Rhein nach Bonn zu gehen? Wie hättet ihr reagiert, wenn ich euch gebeten hätte, mit mir die Welt zu verändern; unsere Welt zu verbessern, sie sozialer zu gestalten? Oder den vielen Müll am Rheinufer zu sammeln, oder für die vielen Obdachlosen zu kochen? Oft bekomme ich von euch die Antwort: “Ich bin ein Musiker.” Habt ihr euch gefragt, was passieren könnte, wenn die Piloten sagen würden: “Ich bin ausschließlich ein Pilot.”? Wie würde unsere Welt aussehen, wenn die Straßenbahnfahrer nur Straßenbahnfahrer wären und die Ärzte nur und ausschließlich nur Ärzte? Und wenn ich nur ein Lehrer wäre? Ihr seid wunderbare Musiker; ich schätze euch sehr. Ich weine viele Glückstränen, wenn ihr spielt, wenn ihr singt. Ihr gibt mir so viel mit eurer Musik, mit eurem Gesang. Und eben deshalb solltet ihr mehr sein wollen als Musiker. Eure Musik braucht Nahrung, eure Kunst braucht Impulse. Eure jungen Persönlichkeiten brauchen eine Sprache; sie brauchen eine friedliche Welt. Neue Lernwege, interessante Begegnungen, sogar verrückte Erlebnisse würden eure Kunst zur wahren Kunst erheben. Und ich würde Glückstränen vergießen, bei eurer Musik und in dem Moment, in dem ich sehe, dass ihr diese Welt spannend findet, dass ihr miteinander sprecht, dass ihr mit Respekt den Mitmenschen begegnet. Ich wäre glücklich, wenn ihr mit euren Gedanken anwesend wäret; pünktlich für euch selbst; aufmerksam für euch selbst. Und vielleicht ein wenig für mich. Seid bitte mehr als nur Musiker! Die Welt wartet auf euch.

4 Kommentare

  1. Deine Worte klingen ein wenig verzweifelt oder zumindest möchte ich sie so hören, denn dann wären es meine Worte. Meine Worte an meinen Schüler, der ich selbst bin. Beim Lesen deines Textes habe ich mich in beiden Rollen gesehen und mich freundlich ermahnt, dass ich mich von den kleinen Dingen nicht ständig ablenken lasse, da ich sonst das große Leben verpasse. Vielen Dank fürs Aufmerksammachen.

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  2. Ein sehr eindringlicher und nachvollziehbarer Text. Es ist wirklich so, dass wir immer mehr Zeit darin investieren, Neues aus dem Handy zu erfahren. Und um uns herum tobt das Leben… Ich habe mich dabei auch schon ertappt. Man denkt, man würde etwas verpassen, wenn man nicht drauf schaut. Doch in Wirklichkeit ist es umgekehrt: Man verpasst man das Leben, wenn man aufs Handy fixiert ist.

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