Der Ausstieg

Und dann stand ich auf und wusste plötzlich, dass ich nicht mehr zur Arbeit fahre. Nichts mehr stand mir im Wege, einfach wegzugehen. Ich wollte mich nicht mehr in die Bahn setzen und ich wollte nicht mehr in der kleinen Bildungseinrichtung, in der ich viele Jahre meines Lebens gearbeitet hatte, ankommen. Die Leitung bezeichnete sie als ein Kleinunternehmen, das sich nicht leisten kann, den Mitarbeitern ein Minimum an sozialer Sicherheit anzubieten. An diesem Dienstagmorgen war ich nicht mehr bereit, mein Leben für die Profitgier zu opfern; ich wollte nicht mehr vor der Tafel vor jungen Menschen stehen – in einem kleinen Bildungsunternehmen, in dem der Gewinn, der Stand der Aktienkurse wichtiger als das Wohl und die soziale Sicherheit der Mitarbeiter sind. In dem System, das keinen sozialen Verpflichtungen nachgehen will und dem es einzig und allein um den eigenen Vorteil geht, wollte ich nicht mehr weiter verharren. In der Großstadt, die ein Sinnbild unserer Zeiten ist, voll von “Populismus, Konsumismus, billiger Unterhaltung und entfremdeten Sex”, wollte ich nicht weiter leben. (Vgl. C. Strenger: Abenteuer Freiheit, S. 33) Ich weigerte mich, die Optimierungsprozesse, die dem finanziellen Gewinn dienen sollen, weiter mitzutragen. Die Schlaflosigkeit, die mit chemischen Mitteln korrigiert werden kann, die Schmerzen, die man betäuben kann, die Ängste, die man mit Alkohol für ein paar Stunden wegwischen kann, überließ ich nun der Leitung des besagten Kleinunternehmens.

Ich verließ die Stadt und zog eine deutliche Zäsur durch mein Leben.

Hier auf dem Land pflücke ich jeden Tag am Rande des Waldes frische dunkelschwarze Brombeeren, die mein Leben mehr als meine bisherige Arbeit bereichern, ich schlafe endlich bei offenem Fenster und lausche den Geräuschen eines Wildgartens. Erstmal sorge ich mich nicht darum, was morgen kommt. Ich bin froh, geschafft zu haben, was ich schon seit langem im Kopf hatte. Ich konnte ein klares Nein zu diesem System sagen, das mich nicht mehr glücklich machte.

Ich besuche eine ältere Dame im Krankenhaus und lache mehr als je zuvor mit ihr. Sie ärgert sich, dass sie meine Ankunft auf dem Land nicht mitfeiern durfte. Sie hätte so gerne ein großes Schild mit einem “Herzlich Willkommen” aufgehängt und daneben einen kleinen Blumenstrauß und eine Weinflasche hingestellt.

 

Nun ist wirklich Schluss mit einem Leben, das mir nicht das bot, was ich vom Leben erwarte.

 

“Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel. Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Unterhalt. Wenn ihr in eine Stadt oder in ein Dorf kommt, erkundigt euch, wer es wert ist, euch aufzunehmen; bei ihm bleibt, bis ihr den Ort wieder verlasst. Wenn ihr in ein Haus kommt, dann wünscht ihm Frieden. Wenn das Haus es wert ist, soll der Friede, den ihr ihm wünscht, bei ihm einkehren. Ist das Haus es aber nicht wert, dann soll der Friede zu euch zurückkehren. Wenn man euch aber in einem Haus oder in einer Stadt nicht aufnimmt und eure Worte nicht hören will, dann geht weg und schüttelt den Staub von euren Füßen.” (Matthäus 10, 7-14)

In zwei Wochen werde ich den Jakobsweg gehen; fast sechs Wochen in Freiheit und mit dem Wissen, nicht mehr in mein altes Leben zurückkehren zu müssen. Wenn ich zurückkomme, werde ich sehen, wie ich mein Leben gestalten werde und gestalten kann. Ein Leben, ohne die Menschen, die nur an ihre Vorteile, an Profit und an Aktienkurse denken. Ein Leben voll von Brombeeren und einem Blick in den wilden Garten, an der Seite meines Freundes. Dieses System werde ich sicherlich nicht weiter mittragen. Die zweite Hälfte meines Lebens wird nicht der ersten gleichen. Ich bin bereit, zu leben.

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