Nach Saint Jean Pied de Port

Wenn man wortwörtlich und im übertragenen Sinne keinen anderen Weg gehen kann, dann geht man den Jakobsweg. (frei nach H. Kerkeling: Ich bin dann mal weg) Meine Reise ist noch unbeschwerlich; Ich fahre Richtung Paris und dann weiter nach Saint Jean Pied de Port. Morgen wird meine große Reise beginnen, weil ich gerufen wurde.

“Warum tue ich mir den trockenen Staub in meinem Mund, den Matsch an meinen schmerzenden Füßen, den peitschenden Regen und die gleißende Sonne auf meiner Haut an? Wegen der schönen Städte? Wegen der Kirchen? Wegen des Essens? Wegen des Weins? Nein. Weil ich gerufen wurde!” (ebd. anonymer Dichter)

Ich habe den Ruf deutlich gehört und seine Bedeutung erkannt. Nun werde ich zu einem anderen Leben laufen, mir eine Auszeit gönnen, Niederlagen und Siege auf dem Weg ausfechten müssen. Und vielleicht komme ich nicht zurück. Vielleicht ende ich als Gerippe auf dem Wegesrand, oder kaufe Land mit einer zerfallenen Hütte. Ich könnte mich auch in eine Höhle für ein paar Jahre zurückziehen und durch Meditation ein neues Leben erlangen, oder ich besteige ein Schiff und steige erst aus, wenn ich die tropische Luft des Urwaldes rieche und bunte Papageien kreischen höre. Denn ich habe viel Lust, einen neuen Weg zu betreten, einen mir unbekannten, unerforschten und in meinen Vorstellungen nie da gewesenen.

“Gehe nicht, wohin der Weg führen mag, sondern dorthin, wo kein Weg ist, und hinterlasse eine Spur.” (J.Paul)

Ich habe immer “gelebt”, oft zu wild die Grenzen überschreitend. Ich habe jedoch gespürt, dass mich meine Kräfte verlassen, der Alltag schlich sich langsam ein, ich hielt viel zu oft mein Handy in der Hand und verbrachte unzählige sinnlose Stunden mit Warten auf eine bessere Zukunft. Dann kaufte ich mir Wanderschuhe und entschied mich, den Jakobsweg zu gehen. Jetzt. Man sollte nie warten, weil eines Tages dieser Weg in unerreichbarer Ferne liegt.

“Zu lassen die Sachen war niemals schon leicht, doch diese Voraussetzung dazu gereicht, auch Neues ins Leben strömen zu lassen, sich wieder mit kurzweiligen Dingen zu befassen, und heiter die Räume zu durchschreiten, sowohl das Wesen wie Horizonte zu weiten. Drum fürchtˋ dich nur begrenzt vor Not, Hunger, Gefahr oder gar Tod, denn lieber urplötzlich begraben, als nie wirklich gelebt zu haben! (Christoph Paulus: Übergang und Krise)

Der Weg soll mein Leben ändern, verbessern und ihm mehr tiefe schenken. Ich bin heute anders als früher, aber mein Ziel ist noch sehr weit von mir. Ich will lernen. Ich will laufen und die Freiheit spüren. Ich will vermisst werden und losgelassen werden.

“Früher sagte ich: Brich auf!

Heute sage ich: Ich lass mich aufbrechen.

Früher sagte ich: Ich gehe den Camino.

Heute sage ich: Es geht.

Früher sagte ich: Ich habe einen Leib, der mich pilgern lässt.

Heute sage ich: Ich bin der Leib, mit dem ich pilgere.

Früher sagte ich: Ich sehe eine Wegwarte blühen.

Heute sage ich: Die Wegwarte schaut mich blühend an.

Früher sagte ich: Ich gehe nach Santiago.

Heute sage ich: Wo ich gehe, ist Santiago.

Früher sagte ich: Ich bin angekommen.

Heute sage ich: Ich bin auf dem Weg.

Und wenn ich zurückfalle ins alte Denken, sagt mir der Weg: Es geht weiter.” (P. Spielmann)
Ich bin auf dem Weg nach Paris und weiter nach Saint Jean Pied de Port. Die Reise begann, das Leben blüht auf.

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