Heribert und Mariana

Heribert verließ Daxlanden 1852 – in der Zeit, als die Bauernaufstände in Baden vorbei waren. Heribert, ein etwa 19-jähriger junger Mann, sehr früh verwaist, fast besitzlos, ertrug nicht mehr das feudale System auf dem Land, das immer noch viele Leute – reiche und arme zum Selbsmord führte. Jede neue Krise, jede Missernte und jedes Hochwasser nahmen den Menschen, was sie besessen hatten und brachte über das badische Ländle viele Tränen und Verzweiflung. Der damals noch sehr harte Winter tötete die Besitzlosen und wenn er sie nicht tötete, dann peinigte er sie, da er sie von der Straße aus in die warmen Stuben der Reichen schauen ließ. Heribert wollte nicht in den Osten zu den Habsburgern, weil er gehört hatte, dass dort das Leben auch nicht besser sei. Es zog ihn in den Süden. So hörte er, dass viele sein Glück auf dem Jakobsweg gefunden hatten. Er hörte jedoch auch, dass der Weg gefährlich und sehr beschwerlich sei. Er packte sein Bündel und marschierte los, zuerst durch die Rheinwiesen und dann rüber nach Frankreich. Man weiß heute nicht, wie er Frankreich durchquerte. Seine Spur taucht erst am achtundneunzigsten Tag seiner Wanderung auf. Völlig enkräftet, mit blutigem Oberkörper und eiternden Füßen fiel er zu Boden vor dem Pilgerkrankenhaus vom Kloster San Antón, dessen Ruine wir noch heute bewundern können. Hier, etwa dreißig Minuten Fußmarsch von Castrogeritz, lebte, weil sie ebenfalls als Waisenkind keine andere Möglichkeit hatte, die junge Ordensschwester Mariana. Sie pflegte die kranken Pilger mit ihrer ganzen Hingabe. Ihr Glaube an das Göttliche jedoch war voller Zweifel. Tag für Tag wusch sie die verwundeten Körper, sah viele Pilger sterben und hörte den vielen Geschichten über Elend und verschiedene Schlachten auf unserem Kontinent zu. Heribert, verwundet und fiebernd schlief ganze sieben Tage. Als er seine Augen wieder öffnete, sah er an seinem Bett Mariana sitzen. Und dann sprachen sie miteinander jeden Abend. Wir wissen nicht, was zwischen Heribert und Mariana geschah. Wir wissen nur, dass Heribert seine Pilgerschaft nicht weiter fortsetzte und Mariana erkrankte selbst und starb. Auf diesem Weg gab es und gibt es auch heute noch seit hunderten von Jahren unzählige Geschichten, die wir nicht mehr rekonstruieren können. Sie bleiben für immer der Landschaft, die den Weg umschließt, anvertraut. Sie bleiben immer verschlossen in den Mauern der Klöster, der Kappelen und der Kirchen, die den Weg weisen. Auch der heutige Pilger erzählt immer eine andere Geschichte über seine Reise; die wahre Geschichte behält er für sich.
Heute liefen wir 30 km aus Tardajos nach Castrojeriz. Ideales Wanderwetter begleitet uns schon mehrere Tage. Castrojeriz ist ein wunderschönes Örtchen am Fuße eines Berges. Hier bleiben wir zwei Nächte und genießen unsere erste verdiente Pause.

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