3700 Bäume ziehen an dir vorbei

Und dann erreichst du den fünfundzwanzigsten Kilometer und es geht kaum noch etwas. Dein Rücken wird magisch vom Boden angezogen; die Beine drohen einzuknicken und die Fußsohlen sind nicht mehr elastisch – sie biegen sich nicht mehr, sie schlagen auf den Weg mit ihrer ganzen Fläche auf einmal auf. Alle Pilger scheinen schon an ihrem Ziel zu sein, du bist allein. Auf der linken Seite des Weges steht jede zehn Meter ein Platanenbaum, du gehst an einem einzigen Tag an 3700 Platanenbäumen vorbei und denkst an deine Zeit in Amsterdam, als du nach einer ordentlichen Portion Marihuana eine Allee entlang gingst und es schien dir, als ob die Bäume nie aufhören vorbeizuziehen. Du läufst sorglos, dein Kopf ist leer, der Körper dient dir nicht mehr und dein Ziel liegt noch zwölf Kilometer vor dir. Du weißt, du wirst ankommen, vielleicht nur deshalb läufst du weiter, auch wenn du eigentlich keinen Schritt mehr machen kannst.

Und dann liest du: “Die höchste Kunst ist die Liebe von und zu Gott” (Guillermo de Sant Thierry)

Du bist aber ungläubig, du kennst Gott nicht, hast noch Angst, ihn zu berühren, an ihn zu denken verweigerst du oft sogar.

Dann drängen die Tränen aus deinen Augen, aber du wirst noch nicht weinen, da man auf dem Jakobsweg nur einmal ohne einen Grund weint.

Du läufst nicht allein. Du läufst mit deinem Partner, den du liebst und plötzlich gibt es weniger Bäume, weil dein Partner viele Lieder singt. Ein Liedchen und du hast siebzehn Bäume hinter dir. Ein Lied und es ziehen weitere dreißig vorbei. Du bist glücklich. Die Liebe entfaltet sich, wächst mit jedem Baum und streichelt dich zärtlich von so viel Verbundenheit und so viel gemeinsamer Zeit.

Dann kommst du an und du kannst wirklich keinen Schritt mehr machen und du weißt nicht, wie es morgen weiter gehen soll. Aber du vertraust dir, deinem Partner und vielleicht ein wenig Gott.

Wir liefen heute eine für unsere Füße mörderische Etappe von 37 km und schauten uns 3700 Bäume an. (16. Etappe)

Glücklich in Mansilla de las Mulas warten wir auf die Köchinnen, die in hiesigen Restaurants erst nach 19 Uhr erscheinen, falls sie nicht verpennen. Morgen laufen wir nach León und machen dort einen Tag Pause.

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s