In den Berghang geklammert

An die Berghänge klammern sich unzählige Dörfer in der ganzen Welt. Sie scheinen zu schlafen in der scheinbaren Bewegungslosigkeit der Zeit. Manche von ihnen, wie mein Dorf auch, sahen nie das Meer. Man vergaß dort das Weinen, kein Krieg erreichte sie und heute spaziert niemand mehr in ihren staubigen Straßen aus Steinen. Nur das Vergessen bahnte sich oft Wege durch sie. Und hinter ihnen wachsen keine Blume und auch kein Schäfer übernachtet dort. Der Messner sieht, wie der Pfarrer altert. Der Pfarrer sieht, wie seine Haushälterin altert. Und irgendwann sieht das ganze Dorf zu, wie alle drei sterben und begleitet sie hinter das Dorf. Und ich frage mich, warum der Mensch eigentlich lebt, wenn die Geburt und der Tod so natürlich sind. Man lebt zwischen den Feldern und geht mit der Dunkelheit schlafen. Man lebt in der Taverne und die alten Frauen flüstern die Geschichten der weißgekalkten Häuser. Und die Mädchen flechten ihre Blumenkränze und suchen hinter den Gardinen in aller Heimlichkeit den jungen Mann, den sie jede Nacht in ihr Gedächtnis rufen – stark, um ihr Gemahl zu werden und viel zu zärtlich für die Liebe. Sie träumen von ihm und er träumt, sehr weit weg aus seinem Dorf und von den alten Menschen zu gehen. Und alle träumen, friedlich zu sterben – mit geöffnetem Mund in der Sonne wie die Eidechsen. Flieht, gute Leute, flüstert er. Dieser Landstrich ist krank. Erwartet von ihm nicht heute, was er euch gestern nicht gab. Nehmt eure Kuh, euren Pflug und das Saatgut, schreit er schon fast, und folgt dem Weg des hebräischen Volkes und sucht nach einem anderen Mond. Vielleicht schon morgen lacht die Fortuna und solltet ihr doch weinen, es ist besser mit dem Gesicht zum Meer. Wenn er sich dem Flug der Zugvögel anschließen könnte, die Berge überfliegend, sein Dorf hinter sich lassend. Er wäre sicher, dass er gehen würde, aber die Toten seiner Familie sind fest in der Erde verschlossen und lassen ihn nicht von diesem Landstrich fliehen und er selbst würde keine handvoll Erde aus ihren Gräbern für die ganze Welt umtauschen. (frei nach J.M.Serrat: Mi pueblo blanco)
Heute erfuhren wir richtig, was es heißt, zu pilgern. Wir brauchten für die heutige 39 km lange Etappe (23) aus Las Herrerías nach Samos 12 Stunden. Wir sahen viele Dörfer – manche lebendig, manche lagen schon in letzten Todeszügen. Was für uns romantisch sein mag, ist für viele Menschen hier ein hartes Leben auf dem Feld und mit ihrem Vieh. Nach Santiago sind es 129 km.

 

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