Die Begierde

Ich finde deine Gewissensbisse immer noch lustig. Gestern hast du auf deinem langen Flug nicht deine körperlichen Begierden zügeln können und du hast einfach zugebissen. Das Hähnchenfleisch wollte auf deiner Zunge aber nicht zergehen. Du bist seit Jahren Vegetarierin so wie ich und trotzdem konntest du nicht der Versuchung standhalten. Du hast unmittelbar nach diesem einen kleinen Bissen Fleisch sehr gelitten und dabei hast du sofort begonnen, mich zu glorifizieren. Du weißt aber nicht, dass ich manchmal in ein furchtbares Schnellrestaurant schlich, damit mich keiner sieht. Ich gab dann meine Bestellung auf und ich verkroch mich in die hinterste Ecke, um meine zwei Cheeseburger mit Pommes zu vertilgen. Und ich hatte dabei keine Gewissensbisse; nur Angst hatte ich, von meinen Schülern gesehen zu werden.

Heute früh lief ich durch den Wald, um den gestrigen verlorenen Tag von mir abzuschütteln, um wieder auf die Beine zu kommen. Und du glorifizierst mich weiter. Mag sein, dass ich gerade in meinem kleinen schlichten Schreibzimmer auf dem Lande sitze; durch das geöffnete Fenster schaue ich direkt auf die große Jugendstilkirche und bin frei von Begierden und anderen Gelüsten. Sie sind aber da und schon morgen können sie mit ihrer vollen Wucht zuschlagen. Sie können mich aus meinem Schreibzimmer auf die Straße herauszerren und mich zu den tiefsten menschlichen Handlungen begleiten. Alles kann man vergessen, sogar die Armut, aber was man nie vergessen wird, ist der Zusammenprall zweier Triebe, las ich gestern.

“Nein, dieses Problem kann man nicht lösen, kann man nicht verdauen. Das ist kein Knoten, den man öffnen kann, weder mit Händen noch mit den Zähnen. Je mehr du dich damit abgibst, um so fester wird er, um so unlösbarer, um so mehr verwickelst du dich darin. Und wenn du dich damit nicht abgeben und darüber nachdenken willst, macht dich das unruhig, macht dich unruhiger, dringt wie ein Nagel in deine Fußsohle. Reizt dich, lockt dich an, verwirrt dich, bringt dich zum Keuchen, macht deine Augen, deinen Blick, deine Miene unruhig. Du siehst und siehst nicht, warum. Gleichzeitig hättest du auch weinen können. Du bist verwandelt. Und wenn du darüber nachdenkst, gibt es keinen besseren Zustand für dich. Das schlimmste ist, dass du angesichts dessen, was dir widerfahren ist, noch keinen festen Standpunkt hast einnehmen können, dir keine bestimmte Meinung gebildet hast: ob du es verabscheust oder damit zufrieden bist, ob du es gänzlich aus dir vertreiben oder es akzeptieren sollst, für annehmbar halten sollst. Du bist gleichsam ans Kreuz geschlagen, kannst nicht wissen, welche Richtung du einschlagen sollst; du gehst einfach, schlimmer noch, du weißt es nicht einmal! Du bist in eine unvorhergesehene Bedrängnis geraten. Rohe Begierde hat sich deiner bemächtigt. Primitive Rohheit hat eine schmerzhafte Wonne in dich geträufelt, sie dir verliehen. Und du bist dazwischen gefangen. Einerseits bist du eine Frau, besitzt andererseits Würde. Fessel und Befreiung in einem miteinander vermischt. Beruhigt und gequält, erlöst und gebunden bist du. Wenn auch nebelhafte Vorstellungen, eben das, was fortwährend aus dem Labyrinth deines Verstandes aufsteigt, der Befriedigung der natürlichen Triebe keine Gelegenheit einräumt und sie zurückzudrängen sucht, so regen sich doch in dir Bedürfnisse und Wünsche, winden sich in dir. Auf dem Grund deines Verstandes, in der Tiefe deiner Erinnerung, in den heimlichsten, verstecktesten, seltensten Augenblicken deiner Seele, regt sich ein Bedürfnis und stößt mit seinen Hörnern gegen die Wände von Sitten und Bräuchen. Eine Kuh, angefüllt mit Wollust, hat dein Inneres aufgewühlt.” (M.Doulatabadi: Der leere Platz von Ssolutsch)

Ich sitze nun in diesem kargen Zimmer, das ich mir so schlicht eingerichtet habe, um nicht von der Begierde abgelenkt zu werden und ich weiß ganz genau, dass ich das nicht schaffen werde, ich habe das noch nie geschafft. Du kennst doch noch meine Flüchten in verschiedene Klöster. Ich flüchtete nach Meschede und nach Bühl, um mich anschließend in die tiefsten Tiefen der Großstadt zu werfen. Ich lief an der Mosel aus Koblenz nach Trier, ich habe meditiert, ich stand auf den Hügeln des Moselufers und dachte ich wäre von der Welt geheilt. Kaum zu Hause angekommen, verpuffte das Gelernte und ich war wieder der Mann, der durch die Welt wattet – ohne ein Ziel, ohne festen Boden, gierig nach neuen Erlebnissen und der Konsumwelt. Ich las unzählige Bücher am Rheinufer und ich verbrachte später mit dir eine Nacht, in der alles erlaubt war. Am nächsten Tag habe ich gelitten und ich konnte das Leid mit jener Nacht nicht in Einklang bringen. Ich genieße jetzt meine Einsamkeit in der Kargheit meines Zimmers und sehne mich schon jetzt nach einem Abenteuer. Vielleicht sollten wir beide von Doulatabadis Mergan lernen und die Begierde in uns nicht aussperren, sie nicht verdammen. Vielleicht sollten wir die Leichtigkeit wieder lernen, um nicht fleischversessene Vegetarier zu sein. Wir sollten einfach leben. Aber wie, das weiß ich nicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s