Die Verdorbenen

Er öffnet die Tür seiner schäbigen Pension und mustert die vor ihm stehenden Pilger. Zuert schaut er auf ihre Rucksäcke, dann auf die Schuhe. Er überlegt vergeblich. Gebucht ist gebucht. Eigentlich will er in seinem schmutzigen, halb zerfallenen Haus keine Pilger haben, aber für Geld macht er alles. Wegen Geld kann er nicht schlafen, wegen Geld haben ihn seine Frau und seine Kinder verlassen. Und nun fällt ihm sein Haus nach und nach auf den Kopf. Er macht weiter. Er saugt alles Geld ab, was er kann.Sie fällen Bäume. Auf jedem Hügel sind ihre Kahlschäge zu sehen. Für Geld zerstören sie ihre Berge, ihre Heimat, ihre Lebensgrundlage. Sie werden nie satt – die Verdorbenen.Sie schaut sich die zwei Pilger an. Sie überlegt. Es hat jedoch keinen Sinn zu überlegen. Gebucht ist gebucht. Ja, du könntest auch ein ruhiges Leben haben, du alte Rentnerin. Aber wegen Geld und noch mehr Geld vermietest du unzählige Zimmer an die Pilger, die oft nass und schmutzig an deiner Türe klopfen. Und dann sind deine größte Sorge die Schuhe der Pilger. Du zeigst ihnen den Platz, wo sie die Schuhe abstellen müssen. Du erniedrigst sie. Und Bettwäsche kassierst du auch extra und dabei machst du dir keine Mühe, welche anzubieten. Du alte Hexe. Du lässt die Menschen ohne Bettwäsche schlafen. Es sind ja nur Pilger ohne Würde. Und dann dein großer Aushang: „Alle Gegenstände, die kaputt gehen, müssen ersetzt werden!“. Weißt du was? Deine schäbigen Tassen und Teller, die du irgendwo aufgegabelt hast, die haben keinen Wert – so wie dein Leben, das nur in Münzen und Scheinen denkt. Du kannst nicht schlafen, du hast immer noch nicht genug, aber du machst weiter.Hier mustert niemand jemanden. Alles ist automatisch. Türcode eintippen und bitte die Regel des Hauses lesen:

In Schuhen auf den Fluren laufen: Strafe 50 Euro

Müll falsch trennen: 50 Euro

Müll im Zimmer hinterlassen: 50 Euro

Im Zimmer zu essen oder zu trinken: 50 Euro (Dabei steht ein riesiger Kühlschrank im Zimmer)

Ohne Bettwäsche im Bett schlafen: 50 Euro

Rauchen im Zimmer: 500 Euro

Und überall Aushänge: Die Flure werden 24 Sunden mit Kamera überwacht.

Ach, ihr armen Leute. Ich beneide euch nicht um eure Leben. Diese ständige Angst um euer Eigentum verdirbt euch; diese ständige Angst und Misstrauen macht euch zu Monstern. Das Geld, dass ihr mit diesen Gefängnisregeln verdient, werdet ihr eines Tages verlieren (hoffentlich). Ihr Elenden, Niedertächtigen, Verdorbenen.

Etappe 10: Ringebu – Vinstra (26 km)

Eine eher unauffälige Etappe. Wir kamen gut aus dem Bett, daher erreichten wir unser Tagesziel schon um 14.30. Wie man im Text lesen kann, sind wir ein wenig enttäuscht über die Art und Weise, wie hier in den Hotels, Pensionen, Hostels und Herbergen mit Touristen umgegangen wird. Wir hoffen, dass es besser wird.

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