Kleine Erkenntisse des Pilgerns

Hier in der Bergmannskroa, der besten Adresse des Bergbaustädtchens Løkken Verk, wird mir klar, dass ich in meinem Leben viel mehr habe, als ich tatsächlich brauche. Ich bin gesegnet mit einem Leben, das mir beinahe alles bietet, wovon je ein Mensch zu träumen wagte. Ich platzte hier rein – ahnungslos – in meinem weißen Wildseidenhemd – und wunderte mich über die Gaststätte, in der man sich alles selber holen muss. Über den Preis des Weines berieten sich drei Mitarbeiterinnen, zwei von ihnen öffneten die Flasche mit gemeinsamen Kräften und vergaßen die Flasche, nachdem sie das Meisterwerk vollbracht hatten. Ich holte sie mir von der Bartheke und fragte freundlich nach zwei Weingläsern. Das Besteck und eine Serviette wurden selbstverständlich nicht an den Tisch geliefert. Nun ja, ich scheine mich in der neuen Marktniesche „work and eat“ zu befinden.

Ich komme immer näher an das Ziel. Trondheim liegt nur noch hinter ein paar Bergen. Die Meeresluft kann man schon spüren, der Fjord von Trondheim ist so nah. Ich laufe entspannter, ich leide nicht mehr und jetzt, wo ich eigentlich schnell im Nidaros Dom sein könnte, will ich gar nicht dort sein. Ich will mich weiterhin wochenlang auf dem Weg befinden. Vielleicht ist es die Gewissheit, diesen Weg bald geschafft zu haben, die magische Kraft, die mir plötzlich so viele Energien gibt und es ist die Angst vor dem entgültigen Ende. So viele Gräber sah ich unterwegs und war traurig und verzweifelt, dass dieses Leben eines Tages zu Ende geht. Ich war sehr dankbar, dass ich noch laufen kann, während ich mir die Bilder der verstorbenen Priester und Kapläne in der Kirche von Meldal anschaute. Ein Pilgerweg ist etwas Besonderes. Er erinnert einen an die eigenen Kräfte, er ermutigt einen zu einem erfüllten Leben, er flüstert dir zahlreiche gute Vorsätze zu, er ändert dein Leben – auch wenn nur sehr unauffällig – und er erinnert dich vor allem an deine Sterblichkeit.

Brich auf, wenn du es kannst. Lauf los, wenn du noch Reste der Kraft besitzt, verzage nicht und bleib nicht in deinem alten Mief sitzen.

Ich kündigte meinen Job als Lehrer vor dem Jakobsweg und die Welt brach nicht zusammen. Es bagann ein anderes Kapitel meines Lebens. Es waren wunderbare Zeiten mit meinen Schülern, aber zwanzig Jahre waren wirklich genug. Ich wollte nie die Jahre bis zur Rente zählen müssen, leidend – nicht mehr das bringen zu können, was ich von mir selbst als Lehrer erwarte. Ich wagte es, ein klares Nein zu sagen – aber ein großes Ja zum Leben.Dann führte mich das Leben auf den Olavsweg, um das zu verarbeiten, was ich nach meinem Ausstieg, nach einem resoluten und absoluten Ausstieg aus dem Klassenzimmer, falsch gemacht habe. Hier hatte ich die Möglichkeit nachzudenken, wie ich weiter leben werde. Hier bin ich dankbar, dass ich lebe. Ich habe die große Chance bekommen und ergriffen, im Leben frei zu bleiben, mitbestimmen zu können und somit habe ich mir die Chance gegeben, mich aus den Fesseln von Kapitalismus zumindest ein wenig zu befreien und es ist kein Geheimnis mehr, von einer besseren Welt träumen zu können und vor allem diese auch zu gestalten. Und mir ist heute klar, dass ich dazu alles habe, was man braucht: Gesundheit, positive Einstellung zum Leben, Bildung, die Fähigkeit zum Träumen und zum Kämpfen und die finanziellen Mittel, die mir viele Spielräume öffnen, um die Welt einen kleinen Schritt voran zu bringen.

18. Etappe: Voll/Rennebu – Løkken Verk (35 km)

Auch wenn diese Etappe sehr lang war, liefen wir entspannt und zuverzichtlich an unser Ziel. Wir sind jetzt in einer alten Bergbaustadt, wo nur die Museen von den großen Zeiten der Kupferminen zeugen. Sonst ist hier alles ziemlich tot und mehr als schäbig. Norwegen betreibt in der Welt eine sehr gute PR-Arbeit. Es ist nicht alles Gold, … Das beste Restaurant der Stadt ist echt sehr seltsam. In Deutschland würde dieser „work and eat“-Schuppen nicht lange überleben. Aber da wir auf einem Pilgerweg sind, bleiben wir gelassen und versuchen die kulturellen Besonderheiten zu verstehen.

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